Schnack auf Zack
  Traumhaft
 
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Traumhaft

Müde und noch im Halbschlaf spüre ich einen kalten Windzug, der mich frösteln lässt. Ich ziehe mir meine leichte Decke wieder hoch bis über meine nackten Schultern und versuche mich zu wärmen. Ein unterdrücktes, leises Kichern lässt mich zusammenzucken. ‚Du träumst’, rede ich mir ein und drehe mich unter der Decke herum. Es ist dunkel in meinem Schlafzimmer, aber nicht so dunkel, dass ich nicht den Kleiderschrank und die offene Tür zum Flur deutlich sehen könnte. Mein Blick fällt auf den mannshohen Schuhschrank, dessen Front verspiegelt ist und ich glaube einen Schatten in den Spiegel verschwinden zu sehen. Ich kneife meine Augen zusammen. Okay, an Schlaf ist nicht mehr zu denken, jetzt bin ich hellwach. Ich setze mich im Bett auf und gucke auf meinen Wecker: 4:20 Uhr, na prima! Ich gähne, dann höre ich es wieder, dieses leise, heisere Kichern. Es scheint aus meinem Schuhschrank zu kommen. Vorsichtig stehe ich auf, ich fröstele erneut. Zum Glück habe ich noch meine Socken an, denn ansonsten wären meine Füße jetzt garantiert Eisklötze – was kalte Füße angeht, bin ich typisch Frau!

 

Langsam, Schritt für Schritt nähere ich mich der verspiegelten Schranktür. Ich sehe mich selbst im Spiegel und komme mir in diesem Moment unglaublich blöd vor. Ich grinse mein Spiegelbild schief an. Mein Abbild grinst ebenso dümmlich zurück. Ich atme tief ein und verharre direkt vor dem Schuhschrank. Ich höre ein kaum wahrnehmbares Kratzen aus dem Inneren des Schranks.

‚Vielleicht haben ja meine Sandalen ein Verhältnis mit meinen Winterstiefeln und treiben es gerade wild miteinander,“ denke ich, „manchmal kommt es eben doch auf die Größe an.“ Ich muss ein Glucksen über meine absurden Gedankengänge unterdrücken.

„Hallo? Ist das jemand?“ Meine Stimme klingt überlaut und deutlich. Keine Antwort. Was habe ich auch erwartet? Ich lege meine rechte Hand auf den Holzrahmen der Spiegelfront. Sie fühlt sich seltsam warm und ein wenig feucht an. Meine Hand gleitet den Rahmen herunter: Überall das Gleiche. Ich bin beunruhigt. Schließlich berühre ich die Oberfläche des Spiegels. Meine Hand taucht in das, was Spiegel sein sollte hinein und verschwindet darin, wie in einer undurchsichtigen Flüssigkeit. Erschrocken ziehe ich meine Hand wieder zurück, so als hätte ich mich verbrannt. Was ist das denn?

„Du musst keine Angst haben,“ ertönt eine melodische Stimme aus dem Inneren des Schranks. Ich habe das Gefühl, ich würde träumen. „Es wird Dir nichts geschehen, was Du nicht auch möchtest,“ beendet die angenehme Stimme ihren Satz.

Vorsichtshalber gehe ich trotzdem einen Schritt zurück um ein bisschen Abstand zwischen mich und den Spiegelschrank zu bringen. Die Stimme lacht leise.

„Ja, wie solltest Du auch einer Stimme glauben können, nicht wahr? Warte einen Augenblick.“

„Warten? Worauf soll ich warten?“

„Na auf mich! Willst Du nicht wissen, wie ich aussehe? Schließlich befinde ich mich sozusagen gerade in Deinem Schlafzimmer!“ Womit die Stimme zweifellos Recht hat.

„Mmmh, ich bin nicht sicher, ob ich das wissen will,“ wende ich ein, mein schwacher Protest wird jedoch nicht ernst genommen. Zuerst sehe ich nur einen Schatten im Spiegel, der langsam an Konturen gewinnt und schließlich mit einem Satz aus dem Spiegel direkt auf mich zugesprungen kommt. Ich verliere das Gleichgewicht und falle hart der Länge nach auf den Boden. Die Kreatur liegt auf mir, rollt sich aber sofort seitlich von mir herunter und bleibt neben mir auf dem Boden liegen.

„Oh bitte entschuldige, ich bin nicht immer so stürmisch, nur wenn ich denke, es könnte sich lohnen.“ Schuldbewusste große schwarze Augen sehen mich an. Der junge Mann hat spitz zulaufende Ohren, die einen weichen Flaum auf der Ohrmuschel haben. Seine dunklen Haare sind zerzaust. Er trägt eine seitlich geschnürte lederne Hose und ein weites altmodisch wirkendes Rüschenhemd mit einer zur Hose passenden offenen Lederweste darüber. Seine Füße stecken und geschnürten Stiefeln, die bis fast zu seinen Knien hochreichen. Er zwinkert mir zu.

„Alles in Ordnung? Hast Du den ersten Schreck überwunden?“

Ich setze mich auf. Einer der Spaghettiträger meines viel zu dünnen Nachtkleids rutscht mir über die Schulter, ich friere, und das kann man leider auch deutlich sehen. Sein Blick folgt erst dem rutschenden Träger und wandert dann weiter zu meinen Brüsten. Ich verschränke meine Arme vor der Brust, nicht nur, weil mir seine Blicke unangenehm sind, sondern auch, weil ich mich wärmen will.

„Wer bist Du? Und was machst Du in meinem Schrank?“

„Mein Name ist Kalinder und ich dürfte tatsächlich nicht hier sein,“ antwortet er in seiner schönen warmen Stimme. Sein Blick geht mir durch und durch. Seine schwarzen Augen scheinen keinen Grund zu haben. Er hilft mir beim Aufstehen.

„Ähem,“ er räuspert sich verlegen, „willst Du Dich nicht lieber wieder in Dein Bett kuscheln? Es wirkt so, als würdest Du frieren.“

Ich muss grinsen. Das ist ihm also aufgefallen. Ich schlüpfe folgsam wieder unter meine Bettdecke, die ich mir bis zum Hals hochziehe. Kalinder setzt sich an das Fußende meines Bettes. Ich ziehe meine Beine an, so dass er genügend Platz hat.

„Also Kalinder,“ beginne ich neugierig, „was macht Du hier in meinem Schlafzimmer, wo Du doch gar nicht hier sein dürftest, hm?“

„Ich beobachte Dich schon ein paar Wochen,“ antwortet er ausweichend.

„Wie bitte?“ ich bin verwirrt, „was soll das heißen?“

Kalinder windet sich. „Na ja, ich will damit sagen, dass ich schon einige Male durch Deinen Spiegel geschaut habe, während Du geschlafen hast. Manchmal schnarchst Du leise…“

„Frechheit“, schnaube ich, „was fällt Dir ein?!“

Kalinder grinst. “Ich sage nichts als die Wahrheit,“ Frech grinst er mich direkt an, „aber das ist nicht der Grund, warum ich nachts zu Dir komme,“ schließt er kryptisch.

„Ich bin sicher, ich sollte das jetzt nicht fragen, aber ich mache es trotzdem: Was ist der dann Grund, Kalinder?“ Er kann mir plötzlich nicht mehr in die Augen sehen und wendet sich ab. Er steht von meinem Bett auf und geht in meinem Schlafzimmer unruhig hin und her. Der junge Mann erinnert mich an ein gefangenes Tier im Käfig. Er hält plötzlich inne und bleibt stehen. Er scheint einen inneren Kampf auszufechten, der sich auf seinem verzerrten Gesicht widerspiegelt. Erschrocken springe ich auf und gehe auf ihn zu und fasse ihn an den Händen in der Hoffnung, ihn so zu beruhigen. Seine Hände sind eiskalt. Er zieht mich näher zu sich heran.

„Du kennst doch die Antwort,“ flüstert er und sein Atem kitzelt in meinem Ohr. Ich erschauere, als er mir einen Kuss auf die Wange haucht. Er riecht nach Leder und einem unbeschreiblich anziehenden männlichen Duft, der mich ganz benommen macht. Als seine Lippen die meinen treffen, erwidere ich seinen vorsichtigen Kuss mit einer Leidenschaft die ihn scheinbar überrascht. Er keucht, als ich mich aus seiner Umarmung löse.

„Kannst Du bleiben?“ frage ich ihn atemlos.

„Nein, eigentlich nicht,“ antwortet er und drückt mich sanft auf das Bett. Vorsichtig schiebt er beide Träger meines Nachthemds über meine Schultern und küsst mich zärtlich erst auf den Nacken, dann auf die Schultern. Schauer jagen meinen nackten Rücken hinunter. Ich ziehe ihn zu mir herunter, um ihn erneut zu küssen, kralle mich in seinen Rücken und will ihn am liebsten nicht mehr loslassen. Er liegt halb auf mir und ich kann durch mein dünnes Nachthemd spüren, wie erregt er ist. Er windet sich aus meiner Umklammerung und zieht sich erst die Weste und dann das Hemd aus. Das Mondlicht lässt mich ahnen, wie schön er ist und ich seufze andächtig, sage aber nichts. Er lächelt und schaut mich an. Dann beugt er sich zu mir herunter und küsst meine Brüste.

„Ich begehre Dich so sehr…,“ flüstert er mir zu.

„Pscht,“ unterbreche ich ihn, „dann komm doch bitte endlich zu mir.“ Mein Verlangen nach ihm ist so intensiv, dass es mich schmerzt. Als er in mich eindringt, empfinde ich es wie eine Erlösung. Es ist befreiend. Wir können beide einen kurzen Schrei nicht unterdrücken. Der Sex mit Kalinder ist einmalig. Wir klammern uns aneinander, als gäbe es kein Morgen, wie zwei Ertrinkende, die Angst zu haben, für immer unterzugehen. Wir schlafen in dieser Nacht insgesamt vier Mal miteinander. Er kommt seit dieser Nacht, wann immer er sich aus seiner Welt in die meine davonstehlen kann. Ich liebe ihn und er liebt mich, trotzdem können wir nur sporadisch von Nacht zu Nacht zusammen sein, keiner darf von uns wissen, denn das würde Kalinders Tod bedeuten. Sein Volk würde unsere Beziehung nicht dulden, sagt er und ich glaube ihm. Seit dieser Nacht im November weiß ich erst wirklich, was brennendes Verlangen bedeutet…

 
   
 
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