Schnack auf Zack
  Samstags ist Markttag
 
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Samstags ist Markttag

 

Würde man mich fragen, ob es immer wiederkehrende Regelmäßigkeiten in meinem Leben gibt, so würde mir nur eine einfallen: Samstags gehe ich gern über den Wochenmarkt. Ich liebe dieses “Einkaufen mit Flair“, wie ich es in Gedanken bezeichne. Ich mag es einfach, mit meinem Namen an den verschiedenen Verkaufsständen begrüßt zu werden, an denen ich regelmäßig einkaufe. Gern schlendere ich auch durch die engen Gassen, um die Preise der angebotenen Waren zu vergleichen. Manchmal feilsche ich sogar mit den Verkäufern.
Nur Samstags nehme ich mir wirklich Zeit zum Einkaufen, unter der Woche hetze ich entweder in meiner knapp bemessenen Mittagspause durch den Supermarkt, oder beeile mich nach meinem Feierabend, kurz vor Geschäftsschluss schnell noch das Nötigste aus den Regalen in meinen Einkaufswagen zu werfen, - nur um dann ewig und drei Tage in der Kassenschlange zu warten und die genervten Blicke der gestressten Kassiererinnen zu erhalten.
Wahrscheinlich macht mir das samstägliche Schlendern und entspannte Einkaufen auf dem Markt vor allem durch diesen Gegensatz Spaß. Dabei ist es ganz egal, was ich eigentlich einkaufe.

An diesem Samstagmorgen sehe ich die alte Frau Schneider, die gegenüber meiner Wohnung auf der anderen Straßenseite wohnt, an einem der Marktstände stehen. Sie muss so um die 75 sein. Jeden Tag der Woche sitzt sie einsam an ihrem Fenster im ersten Stock und sieht auf die Straße hinaus. Frau Schneider freut sich immer, wenn ich von der Arbeit komme und ihr freundlich lächelnd zuwinke. Ich glaube, sie bekommt nie Besuch, zumindest habe ich sie noch nie in Gesellschaft gesehen. Tagein tagaus sitzt sie an ihrem Wohnzimmerfenster und beobachtet, was draußen vor sich geht. Ich habe mich manchmal schon gefragt, ob sie keinen Fernseher hat.

Heute sehe ich sie das erste Mal auf dem Markt. Sie ist in ein angeregtes Schwätzchen mit dem Obstverkäufer vertieft, der ungefähr ihr Alter haben muss. Dabei strahlt sie und ihre Wangen sind gerötet. Ich kann nicht verstehen, worüber sich die beiden unterhalten, aber das ist auch nicht wichtig, denn ich bin fasziniert von der Veränderung, die mit Frau Schneider einhergeht: Sie wirkt überhaupt nicht mehr alt und traurig. Sie erscheint mir plötzlich um Jahre jünger, sogar attraktiv wirkt sie auf mich. Ob sie wohl gerade flirtet? Ich muss bei dem Gedanken grinsen. Die Rentnerin sieht mich und winkt mir lachend zu.
In diesem Moment kann ich sehen, dass Frau Schneider einmal eine schöne Frau gewesen sein muss. Ich winke zurück und gehe lächelnd weiter, schließlich muss ich noch meine Einkäufe erledigen.

Ich habe Frau Schneider danach nie wieder gesehen, aber ich frage mich oft, was aus ihr geworden sein mag, denn Ihr Name steht nicht mehr an ihrer Wohnungstür.

 
   
 
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