Schnack auf Zack
  Reise in die Vergangenheit
 
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Reise in die Vergangenheit

Als ich mir meinen Weg über den unbefestigten Sandweg bahnte, der von beiden Seiten durch Büsche überwuchert war und endlich den ersten Schritt auf den Spielplatz meiner Kindheit setzte, hatte ich das Gefühl, eine andere, längst vergangene Zeitzone betreten zu haben. Ich stockte kurz und wandte meinen Blick erst nach rechts zum Klettergerüst, der Drehscheibe und dem alten Boot, das aussah, als wäre es hier gestrandet, dann nach links zur Sandkiste und den Schaukeln. Meine Schaukel, dachte ich und ging schnellen Schrittes darauf zu.

Wie so viele Kinder hatte auch ich es geliebt, zu schaukeln. Es konnte dabei gar nicht hoch und wild genug zugehen. Gab es mir damals doch dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit, das ich noch heute, dreißig Jahre später über alles liebe.
Meine Hand fuhr liebevoll über das rissige Gummi der Schaukelsitzfläche. Die alten Holzbalken, an denen die Schaukel aufgehängt war, wirkten nicht gerade vertrauenerweckend. Trotzdem konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und setzte mich. Mit geschlossenen Augen träumte ich, leicht hin- und herschwingend, und war zurück in meine Kindheit versetzt.

Auf dieser Schaukel hatten Ralf und ich oft gesessen. Ich auf seinem Schoß, sodass wir uns ansehen konnten. Hier hatte Ralf mich das erste Mal geküsst.
Ich atmete tief durch und hatte den Geschmack von damals auf der Zunge.

Die rechte Schaukel hatte immer meiner Freundin Nicole und Tim gehört, die Linke war Ralfs und meine. Ich stieß mich vom Boden ab und nahm Schwung auf. Die Holzbalken knirschten protestierend, hielten aber mein Gewicht. Höher und höher schwang ich mich in die Luft und spürte, wie eine Träne auf meiner Wange durch den Luftzug trocknete. Ich schloss wieder meine Augen, lehnte mich zurück und genoss die gleichmäßigen Bewegungen.

„Ich wusste, dass ich dich hier finden würde“, unterbrach eine männliche Stimme meine Träumereien.
„Tim!“ Ich lächelte ihn an. Er wartete, bis ich die Schaukel stoppte, dann zog er mich an sich und gab mir einen leichten Kuss auf die Wange. Ich löste mich von ihm, um ihn anzusehen. Er sah müde aus, dunkle Ränder hatten sich unter seinen Augen eingegraben und ließen ihn älter wirken, als er mit seinen vierzig Jahren war.
„Du kennst mich eben viel zu gut, selbst nach all den Jahren noch“, lächelte ich.
Tim nickte.
„Ich wünschte mir nur, wir hätten uns unter angenehmeren Umständen wieder treffen können.“
„Ich habe gelesen, dass Ralf sofort tot gewesen sein muss, er hat keine Schmerzen gehabt“, sagte ich leise.
Wieder nickte Tim.
„Wo ist Nicole?“ fragte ich ihn.
„Mit den Kindern schon vorgegangen. Ich habe ihr gesagt, dass ich mit dir nachkommen würde“, er blickte mich mit einem seltsamen Ausdruck an, sagte aber nichts weiter. Ich hob meine Tasche vom Boden auf, als Tim unvermittelt fortfuhr: „Ralf hat dich sehr geliebt, aber das weißt du, oder?“
Ich zog es vor, darauf nicht zu antworten.
„Warum bist du damals einfach so weggegangen, Sandra? Du hast ihm damit das Herz gebrochen …“, Tim stockte. Als er sich wieder unter Kontrolle hatte, sprach er weiter: „Ich weiß, ich habe kein Recht, das zu fragen, aber ich würde nur zu gern verstehen, warum du damals so gehandelt hast“, schloss er und blickte mich erwartungsvoll, fast bittend, an.
Ich wandte meinen Blick ab.
„Weißt du eigentlich, dass die Frau, die Ralf, nachdem er zuvor sechs Jahre auf ein Lebenszeichen von dir gewartet hatte, geheiratet hat, dir so ähnlich sieht, dass sie deine Zwillingsschwester sein könnte? Leider handelt es sich dabei nur um eine optische Ähnlichkeit, denn die Ehe wurde nach nur zwei Jahren wieder geschieden.“ Tim räusperte sich. „Heute glaube ich, dass Ralf in jeder Frau immer nur dich gesucht hat, Sandra.“
„Sollten wir uns nicht auf den Weg zur Beerdigung machen, Tim?“ versuchte ich das Thema zu wechseln.
Tim schüttelte den Kopf. „Ein bisschen Zeit haben wir noch. Nun?“ Er verschränkte abwartend die Arme vor seiner Brust.
Mir wurde bewusst, dass ich um eine Antwort nicht herumkommen würde.
„Tim, Ralf ist tot“, ich schluckte mühsam, doch Tim sah mich weiter abwartend an. „Was bringt es jetzt noch, über Ereignisse zu sprechen, die fast 25 Jahre zurück liegen? Was geschehen ist, ist geschehen. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, auch wenn wir uns das oft wünschen. Mit ein bisschen Abstand wirst auch du dich sicher an all die schönen Dinge zurückerinnern können, die wir vier in unserer Jugend zusammen erlebt haben. Denkst du nicht?“ Ich hängte mir meine Tasche über die linke Schulter, war bereit zu gehen, doch Tim hielt mich am Arm fest. Erstaunt hielt ich inne. Sein Blick war durchdringend, fest und unnachgiebig.
„Was ist damals passiert, Sandra?“
Spontan traf ich einen Entschluss, zog Tim hinter mir her, zu der Bank nahe dem kleinen Waldstück, auf dem wir früher zu viert oft gesessen hatten, und bedeutete ihm, sich zu setzen, ehe ich mich neben ihm niederließ.

Ich holte tief Luft und es kostete mich Mühe, Tims neugierigem Blick standzuhalten. Jetzt nahm er meine Hände in seine. Ich schluckte, bekam den Kloß in meinem Hals aber nicht herunter.
„Ich war damals schwanger …“
„Mit achtzehn? Von Ralf?“ Entsetzt riss Tim die Augen auf, Fassungslosigkeit breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Natürlich von Ralf“, erwiderte ich.
„Hast du es ihm gesagt?“
„Ich habe ihn gefragt, was er tun würde, wenn ich ungewollt schwanger werden würde“, antwortete ich ausweichend.
Tim wartete, dass ich fortfuhr: „Und? Was hat Ralf geantwortet?“, fragte er schließlich, als ich ihm diesen Gefallen nicht tat.
„Er war der Meinung, dass es zu früh für ein gemeinsames Kind wäre“, meine Stimme zitterte.
„Er wollte, dass du es abtreibst“, brachte Tim es auf den Punkt.
„Ja, vermutlich.“
„Deswegen bist du nach dem Abitur Hals über Kopf davongegangen, ohne uns irgendetwas zu sagen, Sandra?“ Er schüttelte verständnislos den Kopf.
„Nein, nicht ganz …“ Es fiel mir schwer, weiter zu sprechen, aber ich hatte mir vorgenommen, ihm alles zu sagen.
„Was denn noch?“ stöhnte Tim. Wahrscheinlich bereute er bereits jetzt, mich dazu gedrängt zu haben, ihm die Gründe für meine Flucht vor gut zwanzig Jahren mitzuteilen.
„An dem Abend, als ich mit dem ersten Ultraschallbild unseres Kindes von meinem Frauenarzt kam, entschied ich mich spontan, zu Ralf zu fahren und ihn mit der Situation zu konfrontieren.“ Ich räusperte mich, um Zeit zu gewinnen. „Als ich bei ihm vor der Tür stand, hörte ich drinnen Stimmen. Ausgelassenes Lachen drang zu mir. Ohne darüber weiter nachzudenken, klingelte ich. Ralf öffnete mir. Er trug nur eine Shorts. Im Hintergrund sah ich eine Frau. Sie war nackt.“ Ich pausierte kurz und rang um Fassung. Während ich dies Tim erzählte, hatte ich das Gefühl, die Situation erneut zu erleben. Ich war wieder achtzehn, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, und fühlte dieselben Emotionen wie damals.
Tim war geschockt. „Nein“, stieß er ungläubig hervor, „das kann ich nicht glauben! Das will ich nicht glauben! Ich weiß, wie sehr Ralf dich geliebt hat!“
Er tat mir unendlich leid. Ich wartete, bis er sich wieder gefangen hatte.

„Kanntest du die Frau, Sandra?“ fragte Tim mit leiser Stimme.
Ich wich seinem Blick aus.
„Du kanntest sie also“, und nach einer Pause: „Und ich kenne sie auch, richtig?“
„Wir sollten jetzt wirklich losfahren, Tim. Ich möchte nicht zu spät kommen“, antwortete ich.
„Es war Nicole, stimmts?“ Er war kalkweiß geworden. Ich konnte ihm nicht antworten, drückte stattdessen nur erneut seine Hände in der stummen Hoffnung, ihm so beizustehen.
„Es tut mir so unendlich leid“, flüsterte ich.
Tim entzog mir seine Hände und ich ließ ihn gewähren.
„Ach Sandra, weißt du, geahnt habe ich das schon immer. Ich wollte es nur nicht wahrhaben.“ Er sah mich direkt an, als er weiter sprach, „Nicoles und meine Ehe war nie wirklich glücklich. Hätten wir nicht zwei Kinder, wären wir längst getrennt.“ Er seufzte. „Ich habe mich einfach für die falsche Frau entschieden“, wieder sah er mir direkt in die Augen, „ich hätte dich nehmen sollen.“
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis mein Gehirn das Gesagte verstanden hatte. Ich stand überhastet auf.
„Jetzt sollten wir aber wirklich los. Bitte Tim“, drängte ich und wich seinem Blick aus. Aus den Augenwinkeln meinte ich, ihn warm lächeln zu sehen.
Meine Tasche rutschte mir von der linken Schulter und ich bückte mich, um sie aufzufangen, ehe sie auf den Boden fallen konnte, doch Tim war etwas schneller. Noch immer lächelnd reichte er mir meine Tasche. Mein Blick war starr auf das Stück Leder gerichtet, als ich danach griff. Diese Situation entwickelte sich für mich so unvorhergesehen, dass ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Ich zuckte zusammen, als Tim erneut meine Hand ergriff und mich zwang, ihn anzusehen.
„Du hattest nicht die geringste Ahnung davon, dass ich dich immer schon geliebt habe, oder Sandra?“
„Tim, bitte …“, das war definitiv zu viel auf einmal an diesem Tag für mich.
„Ich habe dich sogar so sehr geliebt, dass ich mich für Ralf zurückgenommen habe. Aus Liebe habe ich auf dich verzichtet, Sandra, weil ich wollte, dass du mit ihm glücklich wirst.“ Sein Tonfall wurde bitter. „Und was daraus geworden ist, wissen wir ja beide.“ Er lachte ironisch. „Sag mir nur eins, ja?“
„Was denn noch, Tim?“
„Ist es jetzt zu spät?“ sein Griff um meine Hand wurde fester, als hätte er Angst, dass ich ihm erneut entgleiten würde.
„Zu spät wofür?“ fragte ich automatisch, obwohl ich genau wusste, was er meinte.
„Zu spät für uns?“ Er stockte. „Für eine gemeinsame Zukunft… jetzt, nach zwanzig Jahren, … Sandra?“ Er zog mich an sich und ich wehrte mich nicht dagegen. Sein Kopf lag an meinem Hals. Vorsichtig streichelte ich über seinen Rücken.
„Tim“, flüsterte ich, „der Schmerz geht vorbei. Glaub mir, ich weiß es.“
Er hob den Kopf und sah mich an.
„Was ist aus deinem Kind geworden?“ fragte er.
„Ich hatte eine Fehlgeburt, kurz, nachdem ich Ralf und Nicole überrascht hatte“, antwortete ich.
„Jetzt verstehe ich natürlich, warum du damals, ohne ein Wort zu sagen, verschwunden bist“, Tim schluckte, „du bist eine wundervolle, sehr starke Frau.“ Er nahm mein Gesicht in seine großen Hände. Meine Hände umschlossen seine Handgelenke. Sein Gesicht war meinem jetzt ganz nah.
„Tim, bitte nicht … Es ist der falsche Zeitpunkt.“ Ich hatte Angst, furchtbare Angst. „Wir sollten jetzt zur Beerdigung aufbrechen. Es ist spät geworden“, mahnte ich mit einem Blick auf meine Armbanduhr. Tim nickte zustimmend und der romantische Augenblick war vorbei. Hand in Hand und ohne ein weiteres Wort verließen wir den Spielplatz unserer Kindheit.

 

 

 
   
 
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