Schnack auf Zack
  Nach all den Jahren
 
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Nach all den Jahren

 

„Sandra? Bist du das wirklich?“ Ich zucke zusammen und erstarre mitten in der Bewegung. Die Zeitungsverkäuferin sieht mich irritiert an. Diese Stimme, die ich jahrelang nicht gehört habe, aber mühelos zuordnen kann, löst so viele Emotionen in mir aus, dass ich mich am Verkaufstresen vor mir festhalten muss, um nicht von diesem Gefühlschaos in mir überwältigt zu werden. Zum Glück habe mich nach einem kurzen Augenblick wieder im Griff. Mit der Zeitschrift in der Hand drehe ich mich um.

 

„Was für eine Überraschung, dich hier zu treffen.“ Stefan sieht nicht viel anders aus, als damals vor rund zwanzig Jahren, als ich ihn das letzte Mal getroffen habe. Zwar ist sein Haar ist an den Schläfen leicht ergraut, aber er wirkt noch immer schlank. Man könnte wohl sagen, dass er sich „gut gehalten“ hat. Ich räuspere mich, um Zeit zu gewinnen.

„Hallo Stefan.“ Kommt über meine Lippen, und ich versuche, meinem Gesicht einen möglichst neutralen Ausdruck zu geben.

Er greift nach meiner Hand, ehe ich diese wegziehen kann. Sein Blick geht mir durch Mark und Bein, trotzdem schaffe ich es, ihm standzuhalten. Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor, bis er endlich die Stille durchbricht.

„Wie schön, dich nach all den Jahren so plötzlich wieder zu sehen. Ich habe so oft an dich denken müssen.“ Seine Stimme zittert, als es diese Worte zu mir sagt, und er wendet den Blick ab. Ich weiß genau, woran er sich in diesem Moment erinnert: An den Winterabend, an dem wir beide das erste Mal erlebt haben. Ich erröte.

Langsam verlassen wir ohne zu reden den Laden und bleiben auf dem Marktplatz vor dem Geschäft in der gleißend hellen Sonne stehen. Ich suche in meiner Tasche nach der Sonnebrille und bin froh, als ich diese finde und aufgesetzt habe. Jetzt fühle ich mich ein bisschen sicherer. Schon früher konnte Stefan an dem Ausdruck meiner Augen genau ablesen, wie es in mir aussah.

 

„Wie geht es dir? Ich habe über deinen neuesten Roman in der Zeitung gelesen. Du wurdest als ’der neue, schillernde Stern am Literatenhimmel’ bezeichnet.“ Sein Lächeln ist offen und warm. Er freut sich für mich und will mir dies auf seine Weise mitteilen.

„Danke, es geht mir gut. Ich habe viel zu tun. Tja,…“ Ich lege eine kurze strategische Pause ein. “Diese Titulierung, die du eben erwähnt hast, war natürlich eine immense Übertreibung irgendeines Journalisten.“ Ich grinse ihn an. „Aber es dürfte den Verkauf des Buches ankurbeln.“

„Ich habe alle deine Bücher gelesen“, unterbricht mich Stefan. „Bei jedem war es so, dass ich dir bereits nach dem ersten Satz mit Haut und Haaren gehört habe und es wie im Rausch zu Ende lesen musste. Von den Geschichten, die du erzählst, geht eine ungeheure Faszination aus, weißt du das?“ Er sieht mich fragend an.

Das Gespräch entwickelt sich eine Richtung, die mir unangenehm ist. Stefan scheint das zu bemerken.

„Ich wollte dich nicht verlegen machen, bitte entschuldige“, versucht er die Situation zu retten, „hast du Lust, einen Kaffee mit mir zu trinken?“

„Tut mir leid, ich muss noch Einiges einkaufen“, erwidere ich entschuldigend. Er nickt verständnisvoll, aber deutlich enttäuscht.

„Vielleicht hast du Lust, mich mal anzurufen? Ich würde mich darüber sehr freuen.“ Stefan fischt eine Visitenkarte aus seiner Jackentasche und reicht mir diese. Mechanisch nehme ich ihm die Karte aus der Hand. Dabei berühren meine Finger seine Handinnenfläche und es fühlt sich an, als würde ich einen elektrischen Schlag bekommen. Auch er zuckt zusammen. Die Spannung zwischen uns ist unerträglich. Wie kommt es nur, dass diese Anziehungskraft nach all den Jahren keinen Deut nachgelassen zu haben scheint? Ich glaube, das fragen wir uns beide in diesem Moment.

„Danke. Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.“ Ich wende mich von ihm ab und stecke seine Karte in meine Hosentasche.

 

Während ich den Marktplatz in Richtung meiner Wohnung überquere kann ich seine Blicke auf meinem Rücken spüren. Als ich endlich aus seinem Blickfeld bin, tastet meine Hand nach seiner Visitenkarte. Ich ziehe sie aus meiner Tasche heraus und drehe sie in meiner rechten Hand hin und her. Ich atme schnaufend ein und aus. Für einen Moment bin ich mehr als versucht, und ich hasse mich dafür. Dann zerknülle ich seine Karte in meiner Hand und werfe sie  ungelesen in den Paperkorb, an dem ich gerade vorbeigehe.

„Nach all den Jahren…“ denke ich und schüttele den Kopf, während ich langsam nach Hause gehe.

 
   
 
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