Schnack auf Zack
  Keine von vielen
 
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Keine von vielen

 

Liebe Mama,

wie viele Briefe habe ich schon an Dich geschrieben? Dutzende, immer dann, wenn ich nicht weiter weiß, wenn ich Dich und Deinen Rat brauche, dann spreche ich stumm mit Dir und Du hast immer Zeit für mich.
Ich muss nicht an Dein Grab gehen, um Dir nahe zu sein. Ich weiß, Du siehst das genauso. Das erinnert mich an den Streit, den wir hatten, als Du mir eröffnet hat, dass Du anonym beerdigt werden wolltest. „Das kommt gar nicht infrage“, habe ich Dich damals angebrüllt. Ich war so verletzt, dabei hattest Du nur die Absicht, mich zu entlasten. Du wolltest nicht, dass ich Dich selbst nach Deinem Tod noch als “Klotz am Bein“ empfinde. Was für ein wirrer Gedankengang! Ich habe Dir erklärt, dass ich einen Ort brauche, zu dem ich gehen kann, um zu trauern. Heute weiß ich, ich brauche keinen extra dafür geschaffenen Ort. Manches muss man erst erleben, um es zu verstehen und manches versteht man nie, man lernt einfach irgendwie, damit zu leben. Ich vermisse Dich so.
’Ein Mensch ist erst dann tot, wenn keiner mehr an ihn denkt’, hast Du mal zu mir gesagt. Ich denke jeden Tag an Dich, immer noch, nach all den Jahren.

***


Ich falte den Zettel wie einen kleinen Schatz sorgsam zusammen. Zweimal, dreimal, viermal, weiter kann ich das Papier nicht falten. Ich beuge mich herunter und stecke das Papierstück in eine kleine Mulde direkt an Deinem Grabstein zu all den anderen, teilweise schon verwitterten Zelluloseresten. Vorsichtig decke ich ein wenig Erde darüber, damit der Wind meine Worte nicht entführt. Geschafft. Langsam verlasse ich den Friedhof ohne zurückzublicken. Es hat zu regnen angefangen, aber auf meinem Gesicht liegt ein Lächeln.

 
   
 
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