Schnack auf Zack
  Ich wollt doch so poetisch sein
 
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Ich wollt doch so poetisch sein

Stumm stehe ich im Türrahmen und sehe dir zu, wie du scheinbar wahllos deine Sachen in die dunkelblaue Reisetasche wirfst. Alle Kleidungsstücke werden zerknittert sein, wenn du sie wieder herausnimmst, denke ich, und weiß, dass mir das egal sein sollte. Es war zwar auch früher nicht so, dass ich deinen Koffer gepackt hätte, aber geholfen habe ich dir dabei doch meistens.
Dir ist bewusst, dass ich dir zusehe, doch du hast keinen Blick für mich übrig. Dabei habe ich extra das T-Shirt mit dem tiefen Ausschnitt angezogen, das mir eigentlich zu eng sitzt und sich über meinen Brüsten provozierend spannt. Früher hättest du deine Augen nicht von meinem Oberkörper abwenden können. Es war dumm von mir, zu hoffen, dass du das überhaupt bemerken würdest. Dumm zu glauben, dass ich dich vielleicht ein letztes Mal verführen könnte. “Abschiedssex“, wie konnte ich nur auf so einen bescheuerten Gedanken kommen? Ich schlucke schwer und spüre einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge, den Geschmack des Verlassenwerdens.
Müde gehe ich zurück in unser ehemals gemeinsames Wohnzimmer und lasse mich auf das große Sofa fallen.

Seit Wochen kann ich nicht mehr richtig schlafen, werfe mich Nacht für Nacht unruhig von einer Seite auf die andere und kann nicht entspannen. Für mich ist es kaum zu ertragen, dass die zweite Hälfte des Doppelbettes leer bleibt. Zu sehr vermisse ich deine Schlafgeräusche, dein Grunzen und Schnarchen. Mir fehlt dein Geruch, aber am meisten von allem fehlt mir deine Nähe und Zärtlichkeit. Wehmütig erinnere ich mich an die Zeit zurück, als es ganz normal für dich war, wenn du dich mitten in der Nacht plötzlich an mich gekuschelt hast. Dieses wundervolle Gefühl, dich an meinem Rücken zu spüren, die Reibung deines warmen Bauchs an mir, und die Umarmung deines linken Arms, der mich an dich presste, als wolltest du so demonstrieren, dass ich nur dir gehörte.
Mit geschlossenen Augen kann ich in diesem Moment fühlen, wie dein Atem meinen Nacken kitzelt und ich deinen gehauchten Kuss auf meiner nackten Schulter fühle.

Ohne wirklich wahrzunehmen, was ich mir da ansehe, blättere ich eine Zeitschrift durch. Nebenan höre ich dich fluchen, weil du irgendetwas nicht finden kannst. Normalerweise wäre ich jetzt aufgesprungen und hätte dir geholfen, doch nun bleibe ich einfach sitzen. Ich seufze leise.  Es tut so weh. Nein, ich werde jetzt nicht weinen.
Ich höre wie du durch den Flur zur Haustür gehst. Wieder hast du keinen Blick für mich übrig. Dann fällt die Tür hinter dir ins Schloss. Die Stille dröhnt in meinen Ohren. Tränen laufen über meine Wangen. Ich weine lautlos. Warum weiß man immer erst, was man verloren hat, wenn es zu spät ist?

“Vorbei“ dröhnt es in meinem Kopf. Immer wieder nur dieses eine Wort. Ich drücke meine Daumen rechts und links gegen meine Schläfen. Es tut so weh! Stumm gebe ich mich diesem Schmerz hin, bis ich irgendwann die kitzelnden Tränen von meinen Wangen wische. Ich seufze laut. Stille kann so unglaublich erdrückend sein.
Mein Blick wandert durch das halbleere Wohnzimmer, in dessen Zentrum ich auf dem großen dunkelblauen Sofa sitze, das wir damals noch gemeinsam gekauft haben. Ich spüre, wie meine Augen wieder überzulaufen drohen und zwinge mich, meine Tränen herunterzuschlucken. Nein, ich habe jetzt genug geweint.

Ich stehe auf und gehe an das Fenster, dann ins Schlafzimmer und von dort in die Küche. Alle Zimmer gehe ich ab und verabschiede mich still von dieser Wohnung, in der ich nur zwei Jahre mit dir gewohnt habe. Es waren wundervolle Momente dabei, aber auch Fürchterliche, die ich gern vergessen möchte.
Du musst jetzt loslassen, sage ich mir. Wieder läuft mir eine Träne über mein Gesicht. Ich warte, bis sie von meinem Kinn auf meinen Pullover tropft und hebe dann meine Tasche vom Boden auf. Dabei fällt ein zusammengefalteter Zettel heraus. Ich gehe in die Knie und nehme das Blatt Papier auf, falte es auseinander und lese die Überschrift eines Liebesbriefes, den ich vor Jahren mal für dich geschrieben habe: “Ich wollt doch so poetisch sein“.
Die Zeilen darunter verschwimmen vor meinen Augen, was egal ist, denn ich kenne den Text darunter noch immer auswendig. Ich zerknülle den Zettel und stecke ihn zurück in meine Tasche, werfe mir diese über die Schulter und schließe die Tür hinter mir. Es ist vorbei und es war mir nie so bewusst wie in diesem Moment.

 
   
 
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