Schnack auf Zack
  Endgültig
 
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Endgültig

 

Jetzt saß ich bereits seit einer dreiviertel Stunde hier, in diesem teuren Restaurant, in das ich allein niemals gegangen wäre und wartete auf Tim. Die Mittfünfzigerin vom Nebentisch guckte schon das dritte Mal mitleidig zu mir herüber. Ich zog ernsthaft in Erwägung, beim nächsten Blick dieser Art aufzustehen und ihr eine schallende Backpfeife zu verpassen. In Gedanken an diese Szene, musste ich grinsen. Da kam er auch schon, ihr erneuter Blick mit hochgezogener linker Augenbraue, der mir wohl sagen sollte, dass ich gefälligst diesen guten Tisch für andere Paare freimachen sollte. Ihre Herablassung machte mich wütend. Wahrscheinlich war ich schon seit einer Weile das Tischgespräch zwischen ihr und dem deutlich jüngeren Gigolo, der ihr gegenüber saß.

‚Da bin ich doch lieber allein hier, als mit einen Begleiter, den ich bezahlen muss’, dachte ich und lächelte ihr süffisant zu, während ich mein Glas zum Mund hob, um den letzten Schluck des Weißweins auszutrinken.

 

Am Nebentisch rechts von mir saßen drei junge Männer, alle etwa in meinem Alter, vielleicht auch etwas älter. Sie waren teuer und geschmackvoll gekleidet. Anders hätten sie sich einen Tisch hier auch nicht leisten können.

‚Wahrscheinlich Ärzte oder Scheidungsanwälte’, dachte ich schmunzelnd. Schon vorher hatte ich sie einige Male unauffällig aus den Augenwinkeln beobachtet. Vor allem der mittig sitzende junge Mann, der mit einem leichten französischem Akzent sprach, sah immer wieder zu mir herüber, sonst wäre er mir wahrscheinlich nicht weiter aufgefallen. Anscheinend wollte er nicht, dass seine Freunde bemerkten, dass er Gefallen an mir fand. Jedenfalls nahm ich das an, denn sein Blick blieb länger als nötig an meinem zugegebenermaßen tiefen Ausschnitt hängen. Schließlich lächelte er mir zu. Ich erwiderte spontan sein Lächeln, weil ich ihn attraktiv und seine zurückhaltende Art, mit mir zu flirten als angenehm empfand.

 

Schließlich erschien Tim doch noch im Foyer des Restaurants und legte seinen Mantel ab. Ich konnte ihn von meinem Tisch aus sehen und beobachtete ihn. Er hatte mittlerweile 55 Minuten Verspätung, schlenderte aber ohne Eile mit einem breiten Lächeln zu dem Tisch, an dem ich saß. Die Blicke sämtlicher Frauen im Restaurant waren augenblicklich auf ihn gerichtet. Er zelebrierte seine Auftritte und genoss seine Wirkung auf das andere Geschlecht. Mit jedem seiner aufreizend langsamen Schritte kostete er die bewundernden Blicke der weiblichen Gäste aus.

‚Was für eine Show.’ Ich verzog angewidert mein Gesicht. Der junge Mann am Nebentisch lächelte über meine Grimasse.

 

„Sandra, bitte entschuldige. Die Arbeit, Du weißt ja… Ich konnte mich wirklich nicht eher freimachen. Dringende Geschäfte…“ Konnte dieser Mann nicht in ganzen Sätzen mit mir reden? Ich war wütend, wollte es Tim aber nicht zeigen.

‚Klar, und ich bin sicher, diese dringenden Geschäfte sind blond, schlank, vollbusig, haben lange Beine und sind gerade von Dir auf dem Schreibtisch vernascht worden’, dachte ich. Der Lippenstift an seinem Hemdkragen sprach jedenfalls für meine Vermutungen.

Ich schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln und zwinkerte dem Mann rechts von mir verschwörerisch zu.

 

„Natürlich, Tim.“ Ich gähnte, so sehr war ich seine lächerlichen Entschuldigungen leid. Ich war erstaunt, wie gelassen ich blieb. Das machte wohl die jahrelange Übung im Umgang mit Tim.

„Entschuldigung.“ Ich sah überrascht zu dem Mann auf, mit dem ich vorher Blickkontakt gehabt hatte. Er war an unseren Tisch getreten.

„Darf ich?“ Er hielt mir auffordernd die rechte Hand hin. Seine Körperhaltung ließ darauf schließen, dass er anscheinend erwartete, ich würde seine dargebotene Hand ergreifen. Aber wozu? Momentan spielte keine Musik, zum Tanzen konnte er mich also nicht auffordern wollen.

„Was soll das? Sie sehen doch, dass die Dame mit mir hier ist“, schaltete sich Tim ein.

„Nein. Die Dame war bereits eine Stunde hier, erst dann kamen sie dazu“, korrigierte er Tim, „und ich bin hundertprozentig sicher, sie wäre in diesem Moment gern woanders.“ Sein minimaler französischer Akzent ließ die einzelnen Worte in meinen Ohren zu einer weichen, einschmeichelnden Melodie verschmelzen. Als ich sein Angebot begriff, nämlich einfach mit ihm aus diesem Etablissement, dieser für mich erniedrigenden Situation zu entkommen, wich meine Überraschung ehrlicher Dankbarkeit.

„Gern, vielen Dank.“ Langsam erhob ich mich von meinem Stuhl und ergriff seine Hand, die noch immer geduldig in meine Richtung ausgestreckt war. Er umfasste die meine und geleitete mich um den Tisch herum an seine Seite. Tim verfolgte mit ungläubigem Blick, was geschah.

„Mach es gut, Tim. Ich lasse meine Sachen abholen. Genug ist genug. Ich hätte das schon viel früher tun sollen.“ Ich lächelte ihm zu und hauchte ihm einen angedeuteten Kuss auf die Wange. „Ich wünsche Dir alles Gute dieser Welt.“ Gedanklich schloss ich das Kapitel Tim in meinem Leben ab und legte es wie ein ausgelesenes Buch zur Seite. Ich war erstaunt, wie leicht mir dies mit Hilfe des Mannes an meiner Seite fiel.

„Sandra…?“ Tim war fassungslos. Sein ebenmäßiges Gesicht glich in diesem Moment einer hässlichen Fratze.

 

Ich drückte meinen Rücken durch und verließ kerzengerade mit dem neuen Bekannten an meiner Seite erst Tim und dann das Restaurant, ohne mich noch einmal umzublicken.

 
   
 
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