Schnack auf Zack
  Eine Nacht im Mai
 
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Eine Nacht im Mai

Sie versuchte sich in der Dunkelheit, in dem ihr unbekannten Schlafzimmer zu orientieren. Ihr Kopf dröhnte, die pochenden Kopfschmerzen waren kaum auszuhalten. Als sie sich vorsichtig aufsetzte, kehrte ihre Erinnerung an den vorangegangenen Abend nur langsam zurück. Ihr Blick glitt über den nur schemenhaft auszumachenden männlichen Körper neben ihr. Zum Glück ging sein Atem ruhig und gleichmäßig. Wenn sie leise aufstand, konnte sie es schaffen, die Wohnung zu verlassen, ohne dass er aufwachte.
Behutsam schlug sie ihren Teil der Decke zurück. Als sie ihre nackten Beine bewegte, knarrte die Matratze unter ihr leise. Der Mann neben ihr reagierte darauf, indem er sich von einer Seite auf die andere, zu ihr hindrehte.
Sie betete, dass er weiter schlafen möge und erstarrte augenblicklich in ihrer Bewegung. Erst einige Zeit später traute sie sich, einen neuen Versuch zu wagen. Fast geräuschlos stand sie auf und sammelte ihre auf dem Boden verteilten Kleidungsstücke auf. Als sie glaubte, alle gefunden zu haben, verließ sie das Schlafzimmer.  

An das, was letzten Abend passiert sein musste, erinnerte sie sich nur vage. Schon zu Hause hatte sie allein eine Flasche Weißwein geleert. So fing es bei ihr immer an: Sie trank, um zu vergessen. Um den Schmerz zu betäuben, und um diese trügerische Ruhe zu finden, die sie zumindest phasenweise mehrere Stunden am Stück schlafen ließ. Doch gestern Abend war es schlimmer als sonst. Sie entschied sich spontan, in die neu eröffnete Kneipe zwei Straßenecken weiter zu gehen, denn sie konnte das Alleinsein nicht länger ertragen. Also zog sie sich um, wählte den neuen spitzbesetzten schwarzen BH und die enge schwarze Bluse mit dem tiefen Ausschnitt. Sie wusste, wo Männer bei ihr zuerst hinsahen, und das war eindeutig nicht ihr Gesicht. Eine verwaschene, enge Jeans dazu musste reichen. Die würde ihre langen Beine betonen. Zu mehr Styling hatte sie keine Lust. Schminken war nicht ihr Ding, sie war eher der natürliche Typ.

Bisher hatte sie nie Probleme gehabt, Männer kennen zu lernen. Auch an den Abenden, an denen sie es nicht unbedingt darauf anlegte, wurde sie oft angesprochen. Wahrscheinlich, weil ich so extrem durchschnittlich bin, dachte sie dann immer. Denn bei den richtig gut aussehenden Frauen trauten sich die Männer ja eher nicht, in der Angst, sowieso einen Korb zu bekommen. Na, das war ja ein tolles Kompliment für ihre Optik!

In der Kneipe angekommen, setzte sie sich an den Tresen und beschloss beim Weißwein zu bleiben. Ein junger Mann bediente sie freundlich und wechselte ein paar belanglose Worte mit ihr, bevor er sich wieder anderen Gästen widmen musste. Es war voll. Klar, es war ja auch ein Samstagabend. Noch bevor sie die infrage kommenden Männer visuell kategorisieren konnte, schob sich ein Mann in einer schwarzen Lederjacke neben sie und setzte sich auf den freien Barhocker zu ihrer rechten. Er bestellte sich ein Glas Rotwein. Anscheinend wollte er entweder wirklich nur seinen Wein genießen oder aber er wartete noch den geeigneten Augenblick ab, um sie anzusprechen. Sie wurde ungeduldig, denn er gefiel ihr, also beobachtete sie ihn ganz offen und grinste ihn an, um ihn damit zu ermuntern, den ersten Schritt zu wagen.
Er grinste zurück und hob sein Glas. Sie nickte ihm zu. Beide tranken ohne sich gegenseitig aus den Augen zu lassen.

„Gehen sie oft allein in Kneipen?“ dabei zog er seine Jacke aus und klemmte diese unter die Sitzfläche seines Barhockers. Er trug ein einfaches hellblaues Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren. Seine Unterarme waren leicht gebräunt. Sie sah ihm direkt in die Augen, als sie ihm antwortete: „Nein, nur wenn ich auf der Suche nach einem temporären Partner bin.“ Das hatte gesessen, wie sie befriedigt feststellte, denn er blickte sie irritiert an.
„Wie bitte?“
„Na, was soll ich denn wohl auf so eine Frage Ernsthaftes antworten?“ lachte sie.

 An mehr konnte sie sich nicht erinnern. Sie musste also noch einiges getrunken haben, und sie trank schnell, vor allem dann, wenn sie unsicher war. Scheiße, sie konnte sich nicht einmal daran erinnern, ob der Sex gut oder schlecht gewesen war. Denn dass sie miteinander geschlafen hatten, daran konnte jawohl kein Zweifel bestehen, schließlich war sie nackt in seinem Bett aufgewacht.

Bis auf den BH hatte sie all ihre Sachen gefunden. Egal, die Bluse zog sie so über und stopfte diese in ihre Jeans. Dann schlüpfte sie in ihre flachen Slipper und griff nach ihrer Tasche, bereit seine Wohnung zu verlassen.
„Willst du deinen BH nicht mitnehmen? Ich glaube kaum, das der mir passt.“
Sie zuckte ertappt zusammen. Wie hatte er sich nähern können, ohne dass sie ihn gehört hatte?
„Oder wolltest du den als Souvenir hier zurücklassen?“ Er wedelte mit dem BH vor seinem Gesicht herum. Dann faltete er diesen vorsichtig zusammen und hielt ihn ihr hin. Sie blickte erst auf das schwarze Knäuel in seiner Hand und dann auf ihn, wie er hier im Flur seiner Wohnung, nur mit einer Shorts bekleidet, vor ihr stand.
Sie schluckte und suchte nach Worten, doch ihr fielen keine passenden ein.
Er seufzte.
„War die letzte Nacht so unangenehm für dich, dass du dich einfach so davonschleichen wolltest?“ Er griff mit der linken Hand nach ihrer rechten. Sie versuchte zurückzuweichen, doch sie hatte die Wohnungstür bereits direkt im Rücken und konnte ihm nicht ausweichen.
„Lass mich doch bitte einfach gehen“, flüsterte sie ohne ihn anzusehen.
„Ich denke gar nicht daran“, antwortete er scharf, und zog sie hinter sich her ins Wohnzimmer, wo er sie zwang, sich auf das Sofa zu setzen. Er stellte einen Deckenfuter an, dessen Licht er so dimmte, dass der Raum nur schwach erleuchtet war. Dabei ließ er sie nicht aus den Augen.
„Findest du nicht, dass wir darüber sprechen sollten?“
„Darüber sprechen?“ Sie sah ihn verständnislos an. „Worüber denn?“
Er schüttelte den Kopf. „Du kannst dich wirklich nicht mehr erinnern, oder?“
Sie atmete hörbar aus. „Erinnern? Himmel, an was sollte ich mich denn erinnern? Du machst mir Angst.“ Ihre Stimme klang jetzt wirklich beunruhigt.
„Schon gut.“ Er setzte sich zu ihr, hielt aber Abstand. „Du hast gestern eine Menge getrunken.“
„Und weiter?“ Sie wartete mit weit aufgerissenen Augen darauf, dass er fortfuhr.
Er lehnte sich zurück. Wäre sie nicht so beunruhigt gewesen, hätte sie seine körperliche Attraktivität sicher angezogen.
„Also, wir haben nicht miteinander geschlafen. Ich meine, wir haben schon zusammen in meinem Bett geschlafen, aber eben nicht miteinander.“
„Warum denn das?“ Ihre Stimme klang irgendwie entrüstet. Er musste lächeln.
„Weil du in meinen Armen eingeschlafen bist. Einfach so.“
„Oh… ich verstehe.“ Sie blickte peinlich berührt auf den Boden. „Das tut mir leid.“ Sie konnte ihn immer noch nicht ansehen.
„Und mir erst...“ Er seufzte. Jetzt musste sie grinsen, deutete seine Reaktion doch zumindest darauf hin, dass er sie attraktiv fand.
„Na ja, vielleicht ist das auch ganz gut so.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Wieso?“
„Na, so können wir uns doch wieder, ohne peinlich berührt zu sein, in die Augen sehen. Es ist ja nichts passiert, außer der Peinlichkeit, dass ich einfach so eingeschlafen bin.“ Sie räusperte sich.
„Ich fand das eigentlich ganz schön.“ Seine Stimme klang weich. „Ich meine, das könnte man doch so interpretieren, dass du dich eigentlich ganz wohl bei mir gefühlt hast, oder?“ Er sah sie fragend an.
„Ja, könnte man. Oder aber so, dass ich einfach stockbesoffen war!“ Sie lachte, als er mit den Augen rollte. Er rückte ein Stück näher an sie heran.
„Meinst du, wir könnten noch einmal ganz von vorne anfangen?“
Sie holte tief Luft, dann stand sie langsam auf. Er beobachtete sie und wartete ab. Sie ging zu einem der Fenster und sah hinaus. Nach einer Weile, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, drehte sie sich schließlich wieder zu ihm um, ging auf ihn zu und hielt ihm ihre Hand hin. Wortlos ergriff er diese. Sie zog ihn vom Sofa hoch, bis er vor ihr stand. Ihr gehauchter Kuss auf seine Lippen ließ ihn erschauern.
 
   
 
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