Schnack auf Zack
  Ein seltsames Gefühl
 
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Ein seltsames Gefühl

Morgens auf dem Weg zur Bushaltestelle begegnen mir tagtäglich dieselben Menschen: Der grauhaarige vollbärtige Rentner, der mit seiner Brötchentüte samt Tageszeitung auf dem Weg zurück zu seiner Wohnung ist, der etwa zehnjährige Junge, der sein Fahrrad schiebend von seiner Mutter durch den Vorgarten bis zur Gartentür gebracht wird, um dort von ihr mit einem Kuss verabschiedet zu werden, der Mittdreißiger, der, wahrscheinlich bevor er sich auf den Weg zur Arbeit macht, noch schnell seinen Hund ausführt und ganz zum Schluss meines Weges, gehe ich an einer Erdgeschoßwohnung vorbei, in der eine alte Frau in einem Krankenbett liegt. Ihr Fernseher läuft tagein tagaus und sie starrt immer nur auf den Bildschirm. Manchmal ist eine junge Frau vom Pflegedienst bei ihr, die ich einmal aus ihrem PKW habe aussteigen sehen. Auf ihrem Auto steht die Adresse des Pflegedienstes, daher kann ich sie zuordnen. Wenn die junge Frau bei der alten Dame ist, läuft sie geschäftig hin und her. Das Fenster ist dann offen und ich kann den lauten Fernseher hören, wenn ich vorbeigehe.

Einen Tag später als ich wieder um meine übliche Zeit an der Wohnung vorbeikomme, sieht die alte Frau aus dem Fenster, anstatt wie sonst immer auf den Fernseher, den ich gedämpft hören kann, denn ihr Fenster ist noch geschlossen. Spontan winke ich der alten Frau zu. Ich lächle sie dabei an. Sie reißt für einen kurzen Moment ihre Augen auf, dann lächelt sie zurück. Beschwingt gehe ich weiter. Den ganzen Tag im Büro geht mir alles locker von der Hand. Sogar meinen Kollegen fällt dies auf und sie beginnen, mich zu necken.

Am nächsten Morgen freue ich mich schon auf die erneute Begegnung mit der alten Frau, doch als ich bei ihr ankomme, ist ihre Wohnung dunkel. Das ist ungewöhnlich. Ich versuche etwas zu erkennen, doch vergebens. Der Zeitdruck zwingt mich weiter, aber ich habe ein ungutes Gefühl. Gerade rechtzeitig schaffe ich es noch, meinen Bus zu erreichen. Den ganzen Tag bin ich unruhig und muss immer wieder an die alte Frau denken. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, und ich muss mir entsprechende Kommentare meiner Kollegen gefallen lassen.

Auf dem Rückweg nach Hause mache ich einen kleinen Umweg, damit ich erneut an der Wohnung der alten Frau vorbeigehen kann. Die letzten Meter beschleunige ich meine Schritte, mein Herz schlägt immer schneller vor Aufregung, je näher ich ihrer Wohnung komme. Als ich um die letzte Häuserecke biege, sehe ich zwei Männer, die ein leeres Krankenbett schieben. Die junge Frau vom Pflegedienst folgt ihnen. Ich laufe auf sie zu.

„Was ist passiert?“ frage ich sie atemlos.

Die Frau sieht mich an. Sie hat dunkle Ränder unter den Augen und sieht übernächtigt aus. Sie zögert.

„Kennen Sie Frau Lindemann?“

„Nein,“ antworte ich und komme mir plötzlich schrecklich dumm vor, „ich bin nur jeden Morgen auf meinem Weg zur Arbeit bei ihr vorbeigegangen. Erst gestern Morgen habe ich ihr zugewinkt und sie hat mich angelächelt.“ Ich mache eine Pause, um Luft zu holen. Die junge Frau nimmt meine Hand und drückt sie.

„Ich darf Ihnen eigentlich nichts sagen, aber da Frau Lindemann keine Angehörigen mehr hat, gibt es ja auch niemanden, der etwas dagegen haben könnte.“ Sie holt tief Luft. „Frau Lindemann ist letzte Nacht eingeschlafen. Als ich sie heute Morgen gefunden habe, lächelte sie. Sie muss mit einem schönen letzten Gedanken eingeschlafen sein. Immerhin ist sie 96 Jahre alt geworden.“ Die Frau lässt meine Hand wieder los.

„96,… danke, dass Sie mir das anvertraut haben.“

Die beiden Männer stehen ungeduldig neben dem Transporter, in den sie das Krankenbett eingeladen haben. Mit einem entschuldigenden Blick verabschiedet sich die junge Frau von mir und steigt zu den Männern in das Auto. Ich sehe ihnen nach, als sie davonfahren. Ich kannte Frau Lindemann nicht, erst nach ihrem Tod weiß ich überhaupt ihren Namen und trotzdem vermisse ich sie. Mit einem seltsamen Gefühl gehe ich langsam nach Hause.

 
   
 
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