Schnack auf Zack
  Eichhörnchenträume
 
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Eichhörnchenträume

 

‚45 Minuten Mittagpause sind einfach zu kurz’, denke ich, als ich mich auf meine Lieblingsbank zwischen den blühenden Rapsfeldern setze. Für einen Moment muss ich meine Augen schließen, um mich an das extrem leuchtend intensive Gelb zu gewöhnen. Ich beginne, mein Brot auszupacken, als ich es am Rand des Feldes, direkt mir gegenüber, stehen sehe: Ein Eichhörnchen von tief rotbrauner Farbe blickt mich aus schwarz glänzenden Knopfaugen neugierig an. Ich knistere noch ein wenig mehr mit meinem Butterbrotpapier, worauf sich das Eichhörnchen wohl angezogen fühlt. Jedenfalls kommt es noch näher auf mich zu und setzt sich ca. einen Meter von meinen Füßen entfernt aufrecht vor mich hin. Entzückenderweise legt es seinen Kopf schief ohne mich und mein Brot dabei aus den Augen zu lassen. Ich muss lachen, weil das so niedlich aussieht und lege meinen Kopf auch schief.

„Gib zu, du hast nur Hunger, stimmt’s?“

Das Eichhörnchen stellt die Ohren auf und kommt noch ein bisschen näher. Jetzt sitzt es direkt vor meinem rechten Fuß. Der freche kleine Kerl zieht mit seinen Minihändchen die Schleife meines Schnürsenkels auf. Es springt ein Stückchen zurück und fragt mich in deutlicher Aussprache: „Du sprichst Squirrel? Wie das? Du bist doch ein Mensch, oder?!“

„Ja, jetzt schon“, antworte ich, „aber ich bin in meinem früheren Leben jahrelang ein Eichhörnchen gewesen.“ Todernst sehe ich das mittlerweile wieder auf den Hinterpfoten stehende Eichhörnchen an. Wieder legt es den Kopf schief, als würde es darüber nachdenken, was ich eben gesagt habe.

„Lass Dich doch nicht verarschen, Reddie“, ein zweites, etwas kleineres Eichhörnchen hat sich dazugesellt. Es hält deutlich mehr Abstand zu mir und scheint misstrauischer zu sein, als sein Kumpel Reddie.

„Hallo du“, ich lächle es an „kommen da noch mehr von Euch? Ich fürchte, dann reicht mein Mittagessen nicht für uns alle.“

„Was hast du denn anzubieten?“ Reddie klettert ohne Scheu mein rechtes Bein hoch und bleibt auf meinem Oberschenkel sitzen. Seine Krallen zwicken durch meine Jeans hindurch.

„Mein Name ist Reddie, weil mein Fell so rötlich ist.“ Der kleine Eichhornmann streckt mir doch tatsächlich seine kleine menschenähnliche Hand hin.

„Reddie, bist du jetzt vollkommen verrückt geworden? Wann beginnst du mal erst zu denken und dann zu handeln? Deine Gier nach exotischem Fressen bringt Dich noch einmal um!“ Das zweite Eichhörnchen, anscheinend ein Weibchen, denn ihre Stimme klingt ein wenig höher als Reddies, verschränkt entrüstet die Ärmchen vor der Brust. „Hallo Reddie, es ist mir eine Freunde, du mutiger Eichhornmann. Ich heiße Sandra.“ Ich reiche ihm meinen kleinen Finger, den er begeistert schüttelt.

„Das, was ich hier knisternd versucht habe auszupacken, ist ein Käsebrot, aber ich denke, das hier wird euch deutlich mehr interessieren.“ Ich ziehe aus meiner Jackentasche eine rechteckige Dose heraus und öffne sie mit einem Klick.

„Das sind Kokoszwieback, die ganz extrem süß und lecker schmecken. Na, was meint ihr?“

„Kokos?“, kreischt das weibliche Eichhörnchen entzückt, „Dafür könnte ich sterben!“

Sie gibt alle Zurückhaltung auf und rennt zu mir herüber, um auf mein linkes Bein heraufzuklettern, sich ebenso auf die Hinterpfoten aufzusetzen und mich anzustrahlen.

„Mein Name ist Zeter“, stellt sie sich vor und streckt ihr Händchen aus, damit sie meinen kleinen Finger schütteln kann, so wie Reddie zuvor.

„Sie heißt Zeter, weil sie immer etwas zu zetern hat“,  stichelt Reddie frech und grinst.

Zeter wirft ihm einen bösen Blick zu, sagt aber nichts.

„Na na na, nun mal kein Streit hier, wir wollen doch zusammen schmausen, oder?“ versuche ich zu beschwichtigen. Beide klatschen begeistert in die kleinen Händchen.

Ich breche einen Kokoszwieback in zwei nahezu gleichgroße Hälften und gebe eine Hälfte Reddie und die andere Zeter. Augenblicklich hört man nur noch das knirschende Geräusch der kleinen Eichhörnchenkiefer, die sich begierig über die seltene Delikatesse hermachen. Reddie ist etwas schneller mit dem halben Zwieback fertig als Zeter. Er schielt auf die geöffnete Dose, die neben mir auf der Bank liegt, traut sich aber nicht, etwas zu sagen. Genüsslich schiebt er die letzten Krümel von seinen Mundwinkeln in seinen Mund hinein und strahlt mich an.

„Das war oberlecker. Vielen Dank, Sandra.“

„Oh ja, vielen Dank, Sandra.“ Zeter ist jetzt auch fertig und strahlt mit Reddie um die Wette.

„Einen hab’ ich noch. Wollt Ihr Euch den letzten Zwieback teilen?“

„Aber dann hast du keinen mehr für Dich übrig", gibt Zeter zu bedenken.

„Das macht nichts, ich esse meine Käsebrot“, antworte ich ihr. Zeter scheint nicht so recht überzeugt, aber Reddie fährt mit seiner Zunge begierig über seinen Lippen.

„Dann nur zu gerne.“ Er hüpft vor Aufregung auf meinem rechten Bein auf und ab.

„Nun krieg’ dich mal wieder ein“, weist Zeter ihn zurecht. Beide nehmen mir ihre zweite Zweibackhälfte aus der Hand, und das Schauspiel der genießerisch fressenden Eichhörnchen wiederholt sich. Meine Oberschenkel sind mittlerweile von kleinen Krümeln übersäht.

„Sandra?“ Zeter druckst ein bisschen herum.

„Na, was denn?“

„Du wirst jetzt bestimmt lachen, aber Reddie und ich haben da so einen Traum, und du bist dazu sozusagen der Schlüssel dazu.“ Sie hält inne und sieht mir direkt in die Augen.

„Ich bin was?“

„Na, du könntest uns helfen, wenn du wollen würdest“, schaltet Reddie sich ein.

„Geht es noch ein bisschen kryptischer?“ Ich bin völlig verwirrt und habe nicht die geringste Ahnung, worauf die beiden hinauswollen.

„Also es ist so,“ setzt Zeter erneut an, „wir würden so gern mal die Fortbewegungsart der Menschen nachempfinden…“

„Und zwar so“, unterbricht Reddie und klettert von meinem rechten Bein herunter auf meinen Schuh, an dem er die Schnürsenkel noch weiter herauszieht, um sich dann mit diesen an meinem Schuh festzubinden. Zeter grinst und tut es ihm auf meinem linken Schuh nach. Beide Hörnchen funktionieren meine Schnürsenkel Sicherheitsgurten um und sitzen zu allen Abenteuern bereit auf meinen Schuhen, die Händchen festgekrallt in den Ösen, die genau die richtige Griffgröße für ihre kleinen Hände haben.

Das glaubt mir keiner, würde ich es jemanden erzählen, denke ich und muss schmunzeln.

„Okay, wie ihr wollt.“ Ich stehe auf und gehe langsam los. Reddie und Zeter fiepen vor Vergnügen.

„Das kitzelt richtig im Bauch“, kommentiert Reddie.

„Ein irres Gefühl“, bestätigt Zeter.

„Kannst Du noch ein bisschen schneller laufen?“ Reddie wird mutiger.

Ich trabe los, die Eichhörnchen scheinen fast nichts zu wiegen. Ich werde immer schneller und meine beiden kleinen Freunde kreischen vor lauter Begeisterung.

So muss sich wohl eine Achterbahn für Eichhörnchen anfühlen, denke ich belustigt. Ich werde wieder langsamer und gucke erschrocken auf meine Armbanduhr. Die Zeit mit meinen beiden neuen Freunden ist wie im Flug vergangen.

„Schluss für heute, ihr zwei. Ich muss zurück ins Büro. Leider!“ Die beiden schnallen sich von meinen Schuhen ab. Ich gucke in zwei total glückliche Eichhörnchengesichter.

„Das war ja soooo schön, danke Sandra.“ Zeter umarmt mein linkes Bein und kuschelt ihr Gesicht an meine Wade.

„Oh ja, dem kann ich nur zustimmen“, knufft mich Reddie in den rechten Unterschenkel, schließlich ist er der Mann, da zeigt man seine Zuneigung anders.

„Na, das können wir ja gern wiederholen. Morgen um dieselbe Zeit?“

Beide können gar nicht schnell genug ihre Zustimmung bekunden. Zum Abschied gehe ich in die Hocke und beide krallen ihre kleinen Hände um meine kleinen Finger, als wollten sie mich gar nicht wieder loslassen.

„Freunde fürs Leben“, flüstern Reddie und Zeter gleichzeitig.

„Freunde fürs Leben“, flüstere ich zurück.

 

 
   
 
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