Schnack auf Zack
  Die mit den Wölfen heulen
 
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Die mit den Wölfen heulen


Ihr war die Musik in diesem Laden zu laut. Sie hatte nie verstanden, wie andere ihrer Art es schafften, diese Lautstärke zu ignorieren. Ihr gelang das nicht. Sie stellte das Weinglas auf der Theke vor ihr ab und betrachtete interessiert die Wasserränder auf dem dunklen Holz. Ihr empfindliches Gehör schmerzte, also versuchte sie, sich abzulenken. Plötzlich spürte sie seinen Blick. Er glitt von ihren Schultern über ihren Nacken den Rücken herunter, verweilte einen Augenblick zu lange auf ihrem Po und wanderte dann ihre langen Beine herunter bis zu den flachen schwarzen Schuhen. Sie war versucht, sich umzudrehen, widerstand aber diesem Drang. Er würde sowieso zu ihr kommen, sie konnte sein Verlangen bereits riechen.

Kurz darauf setzte er sich neben sie. Er hatte ein Glas Rotwein bei sich, das er ebenfalls auf die Theke stellte. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es kurz vor Mitternacht war. Die Musik wechselte, wurde in ihren Ohren melodiöser und weniger laut, was sie erleichtert zur Kenntnis nahm. Überrascht sah sie auf, als er ein volles Glas Weißwein vor sie stellte.
„Trockner Weißwein, nicht wahr?“ sprach er sie mit einer angenehm tiefen Stimme an. Sie nickte und nutzte den Augenblick, ihn eingehend anzusehen. Auch er war ganz in schwarz gekleidet. Sie mochte große Männer und groß war er. Zudem schlank und durchtrainiert, soweit man das in dem Dämmerlicht dieses Etablissements sagen konnte. Durch seine schwarzen Haare zogen sich einzelne graue Strähnen, wie bei so vielen südländischen Typen schien er dazu zu neigen, vorzeitig grau zu werden. Wahrscheinlich war er etwa in ihrem Alter, Anfang dreißig. Und ganz offensichtlich war er auf der Suche, so wie er sie jetzt anlächelte. Sie betrachtete interessiert seine weißen, gepflegten Zähne. So weit, so gut. Das Spiel konnte beginnen, und sie war eine meisterhafte und vor allem leidenschaftliche Spielerin. Ob er wohl ahnte, worauf er sich einließ?

„Das ist wirklich nett von Ihnen, aber ich hatte eigentlich gerade vor, zu gehen“, sie schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln.
„Jetzt schon?“ er sah auf seine Armbanduhr, „der Abend hat doch gerade erst angefangen, interessant zu werden... Oder verwandeln sie sich etwa um Mitternacht?“ Der Köder war ausgelegt. Sie musste nur noch anbeißen. Sie lachte spontan und herzlich. Sie gefiel ihm. Ihr warmes Lachen passte nach seinem Empfinden nicht zu ihrer kühlen, unnahbaren Aura.
„Oh ja, dann werde ich zu einer wunderschönen Prinzessin!“
Er blickte erneut irritiert auf seine Armbanduhr.
„Dann muss es schon nach Mitternacht sein. Meine Uhr geht eindeutig falsch“, antwortete er grinsend. Sie grinste ebenfalls. Okay, er war nicht nur attraktiv, er war zudem amüsant und nicht auf den Mund gefallen. Er hob sein Glas und prostete ihr zu. Sie reagierte, indem sie ihr Glas aufnahm und ihm zunickte. Beiden tranken und sahen sich dabei in die Augen, seine waren dunkelbraun, fast schwarz, ihre hatten einen intensiven Grünton.
Wie zufällig berührte er ihre schmucklose Hand. Sie zuckte zusammen. Er hielt sich nicht an die Spielregeln. Sie stand auf.
„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.“
„Ich glaube nicht, dass der Abend schon beendet ist“, antwortete er ruhig und sehr selbstsicher. Seine Arroganz provozierte sie, und das wusste er genau. Mit kalkulierten, langsamen und geschmeidigen Bewegungen bewegte sie sich auf den Ausgang zu. Sie wusste, dass er sie beobachtete und wollte ihm eine perfekte Show liefern. Im Foyer warf sie ihre schwarze Lederjacke über und hetzte nach draußen. Er würde ihr folgen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Wo hatte sie den Wagen geparkt? Sie brauchte nur einen Moment, um sich in der Dunkelheit zu orientieren, dann lief sie in nördlicher Richtung los.

Er stürzte den Rotwein hinunter und legte einen Geldschein auf den Tresen, dann durchquerte er mit großen Schritten den Raum. Achtlos warf er seine Jacke über die Schulter. Die noch angenehm warme Luft füllte seine Lungen, als er vor der Bar stand. Einen Moment war er unsicher, dann hatte er ihre Witterung aufgenommen. Ihr Geruch war faszinierend. Schon lange hatte ihn kein Duft mehr so in seinen Bann gezogen. Er atmete nochmals tief ein, um sie auf der Zunge zu schmecken. Das war besser als jedes Vorspiel.
Sein Auto, ein alter Alfa Romeo Cabriolet, stand direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite. Prüfend hielt er erneut seine Nase in den schwachen Sommerwind, dann wusste er, in welche Richtung er fahren musste.

Sie saß nahe dem Abgrund der schroff abfallenden Steilküste und ließ ihre Beine in der Luft baumeln. Die Schuhe hatte sie ausgezogen. Hier war es etwas windiger als in der Stadt. Das gedämpfte Brandungsgeräusch des Meeres konnte er bereits hören, als er aus seinem Wagen stieg.
‚Ein schönes Bild, eine perfekte Selbstinszenierung’, dachte er, als er sich ihr langsam und geräuschlos näherte. Ihre langen dunklen Haare wurden durch den Wind zerzaust. Ihm war klar, dass sie sehr wohl um seine Anwesenheit wusste. Kurz bevor er bei ihr war, drehte sie sich um und hielt ihm ihre rechte Hand hin. Er ergriff sie und zog sie hoch.
„Das ging aber schnell, deine Sinne scheinen noch ganz gut zu funktionieren“, sie grinste ironisch.
„Mir hat es viel zu lange gedauert.“ Er zog sie an sich.
„Wie in einem dieser unsäglichen Liebesromane, findest du nicht? Steilküste, Meeresrauschen, eine laue Spätsommernacht – wirfst du mich jetzt gleich ins Meer?“ Sie lachte amüsiert.
„Wenn du mir nicht zu Willen bist, könnte das vielleicht passieren“, er setzte ein grimmiges Gesicht auf. Sie versuchte sich aus seinen Armen zu lösen, aber er lockerte seinen Griff nicht. Sie wand sich, fasziniert nahm er die Biegsamkeit ihres Körpers wahr.
„Was wird das hier?“ fauchte sie ihn an.
„Was meinst du wohl?“ Er hob sie hoch und trug sie wie eine Beute zur Wiese, wo er sie behutsam absetzte und sich über sie beugte. Ihr Atem raste. Das lief ganz und gar nicht so, wie sie es geplant hatte. Sie war schnell, aber nicht schnell genug, und er war größer, kräftiger. Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu beruhigen, auf ihre Chance zu warten. Er betrachtete sie lächelnd.
„Hast du Angst? Angst vor Deiner eigenen Courage?“
„Sollte ich welche haben?“
Er küsste sie. Länger hätte er nicht warten können. Erst vorsichtig, dann fordernder. Sie versuchte ihm erst auszuweichen, doch er hielt sie fest, also wehrte sie sich nicht weiter. Es dauerte lange, bis er von ihr abließ.
„Du schmeckst gut“, resümierte er.
Sie grunzte und versuchte, sich unter ihm zu befreien. Lächelnd ließ er ihr ein wenig mehr Raum, gerade so viel, dass sie ihm nicht entwischen konnte, dann küsste er sie erneut. Dieses Mal erwiderte sie seinen Kuss und ihre Leidenschaft nahm ihm fast die Luft zu Atmen.
„Wow“, stieß er hervor, als sie sich wieder voneinander gelöst hatten.
„Lässt du mich jetzt wieder los?“ bat sie.
„Vielleicht lasse ich dich nie wieder los“, drohte er ihr lächelnd.
„Das würde nicht funktionieren.“
„Woher kannst du das wissen?“
„Woher kannst du das nach zwei Küssen wissen?“ konterte sie.
„Nach zweien nicht, aber vielleicht nach dreien?“ Der dritte Kuss erschien ihm noch besser als der zweite, und er fragte sich, wie erst der Sex mit dieser Frau sein musste. Sie lag jetzt ganz still unter ihm. Seine Hand glitt unter ihre Bluse. Sie zuckte kurz zusammen und blickte ihn fragend an. Er fühlte ihren Herzschlag und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Ihre Hände begannen sein Hemd aufzuknöpfen, als ein markerschütterndes Geheul erklang.
‚Nein, nicht jetzt’, dachte er und zuckte zusammen.
‚Bitte nicht jetzt’, dachte auch sie und versteifte sich unter ihm.
Er zog seine Hand zurück und ließ sie los. Sie rappelte sich auf, zupfte ihre Bluse wieder gerade und betrachtete ihn aufmerksam. Sein Hemd war fast vollständig aufgeknöpft, sie konnte nicht umhin festzustellen, was ihr gerade entging, aber sie hatte ihre Pflichten zu erfüllen, so wenig ihr das in diesem Moment auch in den Kram passen mochte.
Seine Sinne waren auf das Äußerste gespannt, seine Nackenhärchen hatten sich aufgestellt. Er witterte Gefahr. Sie berührte seinen Arm.
„Du bist einer von ihnen, nicht wahr? Ich wusste es in dem Moment, als ich dich in der Bar sah, als ich dich roch.“ Ungläubig blickte er sie an.
„Das konntest du nicht wissen“, die Zweifel standen ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. In diesem Moment konnte sie sich vorstellen, ihn zu lieben.
„Und du? Du bist auch…?“ er brach ab.
Sie lächelte.
„Natürlich.“
„Wir müssen hier sofort weg“, er griff nach ihrer Hand und zog sie mit sich fort, in das nahe Waldstück hinein.

Nach zehn Minuten schnellen Laufens waren sie an einer kleinen Lichtung angelangt. Beide keuchten. Noch immer hatte er ihre Hand nicht losgelassen.
„So hat das keinen Sinn, wir müssen es hier tun, andernfalls sind wir zu langsam.“
Sie nickte und hatte verstanden. Er ließ sie widerwillig los. Sie lehnte sich gegen einen Baum und sah ihm zu, wie er sich in einen Wolf verwandelte. Sein Fell war wie sein menschliches Haar von einzelnen silbernen Strähnen durchzogen.
„Ich habe nie einen schöneren Wolf gesehen“, flüsterte sie leise, bevor ihre Verwandlung einsetzte. Einen Augenblick lang hielt er inne und betrachtete seine Gefährtin. Sie war pechschwarz, verschmolz fast mit der Nacht. Seine Schnauze berührte kurz zärtlich ihre Flanke, dann liefen beide los.

Schweißnass vom schnellen Rennen, kamen sie etwa sechs Kilometer entfernt an ihrem Versammlungsplatz an. Sie waren unter den letzten. Rund dreißig weitere Wölfe hatten sich bereits um ihren Anführer gescharrt. Missmutig beobachtete er, wie sie von einem männlichen Wolf herzlich begrüßt wurde. Er konnte ein leises warnendes Knurren nicht unterdrücken, was sie amüsiert zur Kenntnis nahm, jedoch nicht weiter darauf einging. Er hielt sich eng an ihrer Seite, um seine Besitzansprüche anderen Männchen gegenüber zu verdeutlichen. Sie ernteten erstaunte Blicke.
Die Zusammenkunft war kurz. Ein junger Wolf ihres Rudels war einem Jäger zum Opfer gefallen, weil er leichtsinnigerweise wiederholt Schafe gerissen hatte. Sie trauerten angemessen um ihn, lösten sich dann aber schnell wieder in alle Himmelsrichtungen auf. Wütend registrierte er, dass der männliche Wolf es tatsächlich wagte, sich ihr erneut zu nähern, um sich von ihr zu verabschieden. Er kochte und konnte sich nur mit Mühe beherrschen.

Sie trabten beide gemächlich zu der Lichtung zurück, wo sie sich wieder in ihre menschliche Gestalt zurückverwandelten.
„Wer war das?“ er war immer noch wütend und tat nichts, um diesen Zustand vor ihr zu verbergen. Er packte sie bei ihren Schultern und schüttelte sie.
„Spinnst du? Du hast gar keinen Grund für deine Eifersucht. Das war mein Bruder.“ Augenblicklich ließ er sie los. Er schämte sich.
„Bitte entschuldige“, er zog sie an sich und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. Sie roch so gut.
„Schon gut“, seufzte sie.
„Bist du lieber Mensch oder Wolf?“ fragte er sie leise.
„Wenn ich mit dir schlafen will, dann bin ich lieber Mensch“, antwortete sie anzüglich. Er lachte und drängte sie gegen einen der Bäume.
„Dann lass uns da weitermachen, wo wir vorhin so unsanft gestört wurden“, seine Hände fuhren gierig über ihre Brust und zerrten an ihrer Bluse, „du hast eindeutig viel zu viel an.“

 
   
 
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