Schnack auf Zack
  Die falsche Frage
 
"Die falsche Frage

Daniel und ich saßen auf meinem Balkon und schauten schweigend über die Wiese. Nur mit einem so guten Freund wie Daniel, konnte ich zusammen schweigen, ohne dass uns die Stille unangenehm wurde. Es war einer dieser herrlich milden Spätsommertage, die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, und der Abend ging seinem Ende zu. Vor Daniel stand eine leere Flasche Rotwein, vor mir eine fast leere Flasche Weißwein.
„Sandra?“ unterbrach er die Stille.
„Mmmh?“ brummte ich.
„Hast Du Dir eigentlich je Gedanken darüber gemacht, wie es gewesen wäre, wenn wir mehr als Freunde geworden wären?“
Mir fiel fast das Weinglas aus der Hand. Was war das denn für eine Frage? Ich räusperte mich, um Zeit zu gewinnen.
„Na, als wir uns damals kennen gelernt haben, da waren wir doch beide solo. Hast Du nie darüber nachgedacht?“ schob er nach.
„Das heißt, Du hast mal darüber nachgedacht?“ antwortete ich mit einer Gegenfrage.
„Natürlich“, grinste er, „und das nicht nur einmal.“
Ich leerte mein Glas in einem Zug. Er versuchte eindeutig, mich zu provozieren. Daniel grinste immer noch, ich konnte es aus den Augenwinkeln sehen.
Nach einer kurzen Pause antwortete ich: „Nein, um ehrlich zu sein.“
Daniel schnitt eine Grimasse, die wohl Enttäuschung ausdrücken sollte.
„Na toll. Das baut mich echt auf. Hättest Du mich nicht anschwindeln können? Und wenn es nur gewesen wäre, um mein Selbstwertgefühl ein bisschen aufzubauen...“
„Als wenn Du das nötig hättest“, spottete ich, „also wenn jemand nicht unter Minderwertigkeitskomplexen leidet, dann doch wohl Du!“
Daniel fing an zu lachen. „Na ja, es war ein Versuch.“
„Ein ziemlich kläglicher!“
„Hast Du wirklich niemals den Gedanken in Erwägung gezogen, dass aus uns ein Paar hätte werden können, Sandra?“ Jetzt leerte auch er sein Glas.
„Soll ich noch eine Flasche Rotwein für Dich öffnen? Ich habe da noch einen aus Kalifornien, da müsstest Du die Sonne schmecken…“ Eifrig sprang ich vom Balkonstuhl auf und schnappte mir die leere Rotweinflasche, die vor seinen nackten Füßen stand. Er wackelte mit seinen Zehen.
Du lenkst vom Thema ab“, unterbrach er mich, „Du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet.“
Ich hatte gehofft, er wäre angetrunken genug, um den Faden zu verlieren. Normalerweise reichte es völlig, ihm einen guten Rotwein anzubieten, um ihn vom Thema abzulenken. Heute funktionierte das offensichtlich nicht.
„Daniel, ich habe in Dir nie einen potentiellen Partner gesehen. Reicht Dir das als Antwort?“
„Soll das etwa heißen, dass Du mich nicht attraktiv findest?“ er klang jetzt wirklich gekränkt. Dieser Abend veränderte sich in eine Richtung, die mir absolut nicht behagte.
„Quatsch. Das soll heißen, dass mir unsere Freundschaft viel zu wichtig ist, als dass ich sie einfach so aus einer Laune heraus für ein paar Minuten vermeintlich guten Sex riskieren würde.“ Das klang schal und unglaubwürdig, selbst in meinen Ohren. Es tat mir in dem Moment leid, in dem diese Worte meinen Mund verlassen hatten. Zu spät.
„Ach komm, Sandra“, Daniel dehnte die Worte wie Kaugummi, als er sprach, „wer sagt denn, dass es sich dabei nur um ein paar Minuten Sex handeln würde?“ Zum Glück zog er meine Antwort ins Lächerliche. „Ich spreche nicht von einem One Night Stand, ich spreche von einer möglichen Beziehung“, schloss er.
„Nein, daran habe ich nie gedacht“, antwortete ich leise, „das bedeutet aber nicht, dass Du mir nicht sehr viel bedeutest, nur…“ ich suchte nach den richtigen Worten, „auf anderer Ebene.“
„Boah, das klingt ja wie in einem Schundroman“, stöhnte er.
Ich seufzte. „Besser kann ich es nicht ausdrücken“, versuchte ich mich herauszureden, „möchtest Du denn nun noch einen Wein?“ Ich hatte die leere Flasche mittlerweile wieder vor ihm abgestellt.

Daniel stand auf und streckte sich. Klar, er war zweifellos ein attraktiver Mann und das wusste er auch. Er kokettierte oft mit seiner Wirkung auf Frauen. Trotzdem hatte ich in ihm niemals einen möglichen Partner gesehen. Warum auch immer. Vor meinem inneren Auge lief unsere bisherige Beziehung in schnellen Bildern ab. Zufällige Berührungen, verbale Flirts und Unternehmungen bekamen so plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Ich versuchte diese Gedanken wieder abzuschütteln. Ich wollte nicht alles infrage stellen müssen, nichts hineininterpretieren, was dort nicht hingehörte.

„Nein, ich denke, ich werde jetzt mal den Abflug machen und mich auf mein Stahlross schwingen.“
Ich hielt ihn nicht zurück. Als er im Flur seine Jacke überzog, sah er mich mit einem seltsamen Blick an. Er umarmte mich, so wie er es immer zum Abschied tat.
„Sandra, dass ich mir vorgestellt habe, wie es gewesen wäre, wenn…“ er schluckte hörbar, „das ändert doch nichts an unserer Freundschaft, oder?“ Er hauchte mir einen Kuss auf die linke Halsseite. Für einen kurzen Moment erstarrte ich unwillkürlich.
„Natürlich nicht,“ antwortete ich mechanisch und wusste im selben Moment, dass dies eine Lüge war. Es änderte alles, ich wollte es nur nicht wahrhaben.


***


Die Begegnung


Mit einem lauten Geräusch stellte ich meine Einkäufe auf dem Büroschreibtisch ab.
„Na Sandra, hast du alles bekommen, was du wolltest?“ meine Kollegin Marina streckte sich und versuchte so, ihren Rücken zu entlasten.
„Ja, und noch mehr… wie immer. Wenn da nur nicht immer diese Hektik wäre! Unsere 45-Minuten-Mittagspause ist einfach zu kurz, um mal eben loszufahren und alle Einkäufe zu erledigen, aber so muss ich wenigstens nach Feierabend nicht mehr los.“ Ich stellte Marina ihren Lieblingsjoghurt auf den Tisch.
„Danke dir“, lächelte sie, „Sandra, du glühst ja! Ist etwas passiert?“
Marina war knapp zehn Jahre älter als ich und hatte wohl auch deswegen manchmal die Angewohnheit, mich zu behandeln, als wäre ich ihre Tochter und nicht ihre Kollegin.
„Nein, nicht direkt und doch… ja, irgendwie schon, aber ich weiß nicht mal was genau mir da eben passiert ist.“
„Nun aber heraus damit. Du machst mich neugierig.“
„Na ja, ich stand eben an der Ampel, da, wo man auf die Bundestrasse abbiegen kann, weißt du?“ Marina nickte mir zu. „Und neben mir hielt ein BMW mit einem jungen Mann drin. Das war total komisch…“
„Was genau?“ unterbrach Marina mich.
„Also, so genau kann ich das gar nicht sagen, jedenfalls war das ein total intensives Gefühl, als sich unsere Blicke trafen. So als würden wir uns gegenseitig direkt in die Seele sehen“, ich stockte, „verstehst du?“
„So ungefähr“, Marina grinste wissend, „und du hast natürlich sofort schuldbewusst an deinen schlafenden Mann zu Hause gedacht, stimmts?“
Ich schnitt eine Grimasse und blieb ihr die Antwort schuldig.
„Und wie ging es weiter?“ Marina ließ nicht locker.
„Es ging gar nicht weiter. Die Ampel sprang irgendwann wieder auf grün um, hinter uns wurde gehupt und wir beide setzten unsere Wege getrennt voneinander fort. Ich bog auf die Bundesstraße ab und er fuhr geradeaus weiter.“
Ich konnte Marina ja schlecht erzählen, dass ich für einen Moment so etwas wie Magie spürte, und dass mich dieses Gefühl völlig überwältigt hatte. Wenn das schon für mich unfassbar war, wie würde es dann erst auf sie wirken?
„Aha“, Marina schien ein bisschen enttäuscht zu sein, so wie ich auch. Sie ging dann zur Mittagspause und hatte das Thema anschließend glücklicherweise vergessen. Jedenfalls sprach sie es nicht wieder an, wofür ich dankbar war.

Wie konnte es nur sein, dass mich ein völlig fremder Mann so durcheinander brachte? Zudem war ich sicher, dass er dieses intensive Gefühl des gegenseitigen Verstehens in diesem kurzen Augenblick ebenso empfunden hatte. Definitiv! Dieser Mann ist mir nie wieder begegnet, aber ich habe noch oft an ihn denken müssen.

 
   
 
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