Schnack auf Zack
  Der Seelenarzt
 
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Der Seelenarzt

„Sie sollten versuchen, mir zu vertrauen“, der Arzt streicht sanft mit seiner warmen Hand über meinen nackten Bauch. Ich erschauere und fühle mich seltsam unbehaglich.
„Ich kann niemandem vertrauen, den ich nicht kenne.“
Er lächelt, sagt aber nichts, sondern streicht unbeirrt weiter auf meinem Bauch hin und her.
„Versuchen Sie, sich zu entspannen. Bitte! Ich will ihnen nichts Böses, ich will Ihnen den Druck nehmen.“
Ich schaue ihn überrascht an. Ich habe ihm nichts von diesem Druckgefühl erzählt, das sich wie ein Mühlstein auf meiner Brust anfühlt. Der Arzt ist schätzungsweise Anfang sechzig, sein kleiner gedrungener Körper sitzt auf einem Bürostuhl vor der Liege, auf der ich versuche, mich zu entkrampfen. Ich schließe meine Augen und versuche, mich in meiner Fantasie zu verlieren. Ich bilde mir ein, getragene leise Musik zu hören.
„Ja, so ist es besser“, murmelt der Arzt, „jetzt kann ich sie fühlen.“
Und tatsächlich spüre ich, wie ich anfange zu entspannen, tiefer zu atmen. Das Luftholen ist nicht mehr ganz so schmerzhaft wie zuvor. Ich atme aus und öffne meine Augen wieder.
„Möchten sie sie auch einmal halten?“ Er hält mir ein in vielen Farben schillerndes kugelartiges Gebilde entgegen, das ich fasziniert betrachte. Die Farben scheinen sich auf und in dem Gebilde zu bewegen, auch seine Form ändert sich dauernd.
„Wunderschön“, flüstere ich gefangen von dem Anblick, als ich das schillernde Etwas vorsichtig in beide Hände nehme. Ich habe mich auf der Liege aufgesetzt und kann den Blick von dem farbigen Schauspiel, das sich mir bietet, nicht abwenden. Das Etwas fühlt sich angenehm kühl an.
„Und das ist…?“ Ich breche ab.
„Ja, das ist Ihre Seele“, antwortet der Arzt, „deswegen nennt man mich ja auch einen Seelendoktor. Es war ein schweres Stück Arbeit, ihre Seele aus Ihrem Körper zu extrahieren, aber ich denke, Sie sind nicht zu spät zu mir gekommen.“ Er lächelt mich mit seinem freundlichen Gesicht an.
„Spüren Sie, wie verschorft die Ränder schon sind?“
Langsam lasse ich meine rechte Hand über die seitlichen Ränder gleiten. Meine Seele verfärbt sich daraufhin erneut, ein tiefes Blau ist jetzt die vorherrschende Farbe, und ich habe das Gefühl, dass sie ein wenig kälter in meiner Hand geworden ist.
„Es scheint so, als würde sie auf meine Berührung reagieren.“
„Natürlich. Die Seele reagiert auf sämtliche Einwirkungen von außen. Deswegen müssen sie jetzt auch ganz vorsichtig die Kruste von den Rändern abziehen. Sie werden dabei kaum etwas spüren. Nur Mut!“ spornt mich der Arzt an.
Ich hole tief Luft. Vorsichtig, ganz vorsichtig, ziehe ich die erste Kruste von der Oberfläche ab. Es geht leichter, als ich gedacht habe. In meiner Brust scheint sich etwas zu lösen, ich fühle einen leichten, ziehenden Schmerz. Ganz kurz nur, dann ist die erste Kruste in einem Stück ab. Ich lasse den pergamentartigen farblosen Streifen Schorf auf den Boden vor der Liege fallen. Die gleiche Prozedur wiederhole ich noch dreimal, dann ist meine Seele wieder ganz blank. Erst jetzt ist ihre ganze Schönheit für mich sichtbar. Die extrem intensiven, noch immer ständig wechselnden Farben tun mir jetzt in den Augen weh.
„Das haben Sie gut gemacht“, lobt mich der Seelendoktor, „darf ich?“ Er formt mit seinen beiden Händen eine Mulde, so dass ich meine Seele langsam in seine Hände gleiten lassen kann. Er bedeutet mir mit einer Geste, dass ich mich wieder auf die Liege zurücklehnen soll, was ich befolge. Er legt meine Seele zwischen meine Brüste und ich beobachte wie in Trance, was passiert... Langsam verschwindet meine Seele in der angedeuteten Mulde zwischen meinen Brüsten. Ein warmes Gefühl breitet sich nach und nach in meinem Oberkörper aus.
„Wie fühlen sie sich?“ Der Arzt wirkt sehr zufrieden.
„Gut, sehr gut sogar. Dieser Druck, der mir das Atmen so schwer gemacht hat, scheint verschwunden zu sein“, antworte ich noch ein bisschen skeptisch, ob dieser Zustand wohl anhalten wird. Ich hole noch einmal tief Luft.
„Das hört sich wunderbar an“, der Arzt steht von seinem Stuhl auf, und ich bemerke, dass er kaum 1,50 Meter groß ist.
„Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute.“ Er lächelt mir ein letztes Mal zu und verlässt den Behandlungsraum.
Wie jetzt? Das war alles? Ich bin verwirrt.
Langsam setze ich mich auf und beginne, mich wieder anzukleiden. Habe ich das jetzt alles wirklich erlebt oder habe ich das nur geträumt? Ich nehme meine Tasche von der Ablage neben der Liege und sehe mich in dem mannsgroßen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand des Raums. Ich bleibe stehen und lächle meinem Spiegelbild zu.
Das erste Mal seit Jahren freue ich mich auf die Zukunft, die vor mir liegt wie ein bunter Teppich, den es zu entdecken gilt. Pfeifend, voller neuer Pläne im Kopf, verlasse ich das Behandlungszimmer und schließe die Tür hinter mir.

 

 
   
 
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