Schnack auf Zack
  Das zweite Leben
 
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Das zweite Leben

Wie jeden Sonntag lege ich Blumen auf Dein Grab, und wie jeden Sonntag bin ich dabei den Tränen nahe, doch ich schlucke den salzigen Geschmack wieder herunter. Heute ist ein besonderer Tag für mich, denn heute werde ich die Vergangenheit hinter mir lassen. Nicht nur, weil ich es will, sondern auch, weil ich es muss. Gestern hast Du mir gesagt, dass Du nicht länger gegen einen Geist ankämpfen kannst und willst. Ich war schockiert und konnte doch nichts darauf erwidern. Ich muss eine Entscheidung treffen, ich will eine Entscheidung treffen.
Erstaunt stelle ich fest, dass ich mir an den Rosen einen kleinen Schnitt am rechten Zeigefinger zugezogen habe. Blutstropfen liegen vor mir im Schnee und auch die dunkelroten Rosen wirken auf dem weißen Untergrund jetzt wie eine Blutlache. Ein beängstigendes Bild! So ganz ohne Opfer willst Du mich wohl doch nicht gehen lassen, was? Ich lache heiser auf angesichts dieser Holzhammersymbolik und lecke den letzten Blutstropfen von meinem Finger. Der bluttypische metallische Geschmack breitet sich auf meiner Zunge aus. Ich muss husten und wende mich ab.
Dies sind sicher nicht die letzten Blumen, die ich auf Dein Grab lege, doch wirst Du mich ab sofort nicht mehr besitzen. Ich habe mich entschieden. Ab heute beginnt mein neues, zweites Leben. Heute streife ich Dich ab wie eine alte Haut, wie einen Mantel, für den es zu warm geworden ist. Ich kann den Frühling schon riechen, noch wird er zwar vom Winter überdeckt, aber darunter ist sein schwacher, verführerischer Geruch deutlich für mich wahrnehmbar. Ich atme tief ein. In diesem Augenblick kann ich fühlen, wie sehr Du Dich für mich freust. Endlich. Ich bin frei.

 
   
 
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