Schnack auf Zack
  Das Leben ist nicht fair
 
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Das Leben ist nicht fair

 

Ich war gerade dabei, den Eisbergsalat zu waschen, als im Radio ein Herbert Grönemeyer-Song gespielt wurde: „Nordisch nobel, deine sanftmütige Güte, dein unbändiger Stolz, das Leben ist nicht fair,“ sang Herbert traurig, aber gefasst. So, als würde er sich in das Unvermeidliche fügen und lernen mit dem Verlust eines geliebten Menschen zu leben. Ich schloss die Augen, ließ den Salat auf dem Glasschneidebrett liegen und war gedanklich im Sommer 2003.

Frank fasste mich an der Hand. Mein “kleiner Bruder“, dieser 196 cm große Mann, zu dem ich aufschauen musste, als ich „Komm’, das wird schon“, zu ihm sagte. Er nickte und öffnete die Tür zum Zimmer 216 im Eilbeker Krankenhaus.
Da lag sie: Allein im Doppelzimmer, sie redete wirr und zusammenhangslos vor sich hin. Als wir in das Zimmer traten, verstummte sie kurz, nur um dann plötzlich ein erschrecktes Kreischen von sich zu geben, als sie uns sah. Wir hatten sie anscheinend in ihrer eigenen Welt gestört, in der sie jetzt leben zu schien. Frank ließ augenblicklich meine Hand los und war sofort bei ihr.
„Mama, wir sind es doch nur.“ Er lächelte sie beruhigend an, nahm ihre linke Hand, drückte sie leicht und strich sanft über ihre feucht glänzende Stirn.
Sie blickte erst Frank an, dann wanderten ihre ruhelosen Augen zu mir. Ich stand noch immer vor dem Fußende ihres Bettes, starr und unfähig, mich zu bewegen. Schließlich murmelte sie etwas Unverständliches und lächelte Frank an.
Ohne Sinn und Zusammenhang brabbelte sie weiter. Manchmal schienen einzelne Satzteile zusammen zu passen, im Wesentlichen jedoch waren es sinnlos aneinander gereihte Worte, die aus ihrem trockenen, rissigen Mund kamen.

Ich ging langsam auf die andere Bettseite, um sie nicht wieder zu erschrecken.
„Hallo Mama“, sagte ich leise und legte meine Hand auf ihre.
Sie wandte den Blick von Frank ab und sah zu mir. Kein Anzeichen von Erkennen lag in ihrem Blick. Sie verstummte erneut.
„Ganz schön warm und stickig hier drinnen, oder?“ Ich ging zum Fenster und öffnete es weit. Der Sommer 2003 sollte später von dem Meteorologen als “Jahrhundert-Sommer“ in der Presse gefeiert werden. Das Atmen fiel mir schwer.
Der Blick unserer Mutter wanderte wieder weg von mir und ihre Augen jagten gehetzt durch das Zimmer, nirgendwo verweilten sie.

Ich konnte es nicht lassen und musste einfach fragen: „Mama?“ Ich drückte kurz ihre Hand, in der Hoffnung, ihre Aufmerksamkeit wieder zu erlangen. Tatsächlich wandte sie mir ihren Kopf erneut zu und sah mich erneut an.
„Mama, weißt du, wer ich bin? Kennst du meinen Namen? Bitte Mama, sag mir meinen Namen.“ Mein Bruder versteifte sich, sagte aber nichts.
Stille. Hinter ihrer Stirn schien es zu arbeiten, sie stöhnte auf.
„Bitte Mama, versuch’ doch mal, ob er dir einfällt … mein Name.“
Jetzt sah Frank mich völlig verständnislos an, blieb aber weiterhin stumm. Unsere Mutter stöhnte erneut. Schließlich antwortete sie leise: „Fällt mir im Moment nicht ein …“ Danach brabbelte sie wie gehabt sinnentleert weiter. Ich wandte mich von ihr ab und versuchte, mühsam die Tränen herunterzuschlucken, die an die Oberfläche drängen wollten.
Frank griff ein: „Das macht gar nichts, Mama.“
Als ich mich wieder im Griff hatte, sagte ich ruhig und gefasst zu ihr: „Mein Name ist Sandra, ich bin deine Tochter. Und der junge Mann, der deine Hand hält, ist Frank, dein Sohn“, aber ihr wacher Moment war schon wieder vorbei. Sie hielt nur kurz inne, blickte erst mich und dann Frank an, doch erneut war keine Spur von Erkennen in den Tiefen ihrer müden Augen sichtbar.

Danach sprach ich nicht mehr viel. Mein Bruder nahm mir an diesem Nachmittag das Reden ab. Nachdem wir unsere Mutter verlassen hatten, musste ich mich im Park vor dem Krankenhausgebäude auf eine Bank setzen, um all die Tränen zu weinen, die ich vorher so mühsam unterdrückt hatte. Mein Bruder umarmte mich und fast lautlos beweinten wir das, was von unserer Mutter noch übrig war.

„Frank“, ich löste mich aus seinen Armen, „ich möchte, dass du weißt, dass ich kein Problem damit habe, wenn du Mama nicht mehr besuchen möchtest. Du solltest sie so in deiner Erinnerung behalten, wie sie wirklich war – nicht so, wie sie jetzt ist. Das, was der Krebs aus ihr gemacht hat, dass ist sie nicht, verstehst du?“
Frank sah mich an. Erst verständnislos, dann klarten seine Gesichtszüge langsam auf. Er räusperte sich und zog mich an seine Brust. Eine seltene Geste, denn mein Bruder suchte sonst nicht unbedingt die körperliche Nähe zu mir, seiner sechs Jahre älteren Schwester. Franks Stimme klang heiser, als er sagte: „Sandra, ich liebe dich. Auch dafür, gerade dafür. Ich kann mir keine bessere Schwester als dich vorstellen.“
„Ja ja, nun ist aber gut.“ Ich war gerührt, was ich ihm aber nicht zeigen wollte, und die Fassung wollte ich heute auch kein zweites Mal verlieren, also schob ich ihn von mir weg.

Unsere Mutter starb auf den Tag genau zwei Wochen später in ihrem einundsechzigsten Lebensjahr. Sie schloss im Juli 2003, am Geburtstag ihrer eigenen Mutter, für immer die Augen. In den letzten 14 Tagen ihres Lebens gab sie keinen sinnvollen Satz mehr von sich und erkannte auch niemanden mehr.

Ich öffnete meine Augen und fragte mich, warum ich mich jetzt, nach knapp vier Jahren, an diese Szene mit unserer Mutter erinnern musste? Es lag wohl an dieser Textzeile. Ich kannte nicht einmal den Titel des Songs von Grönemeyer...
Auch nach all der Zeit vermisste ich meine Mutter noch immer derart intensiv, dass es mir beim Atmen in der Brust wehtat.

 
   
 
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