Schnack auf Zack
  Das Klassentreffen
 
"Das Klassentreffen

 
Als Thomas sein altes Klassenzimmer betrat, hatte er das Gefühl, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten. Er hatte lange überlegt, ob er die schriftliche Einladung annehmen sollte, sich dann aber doch dafür entschieden. Es passte einfach zu gut in seinen Zeitplan, da er erst vor zwei Monaten wieder zurück in seine Heimatstadt Hamburg gezogen war.

Maja, die das Klassentreffen zusammen mit ihrem Mann organisiert hatte, begrüßte ihn herzlich, umarmte ihn und reichte ihn dann weiter an seinen alten Kumpel Ralf, zu dem er all die Jahre losen Kontakt gehalten hatte. Die beiden Männer bahnten sich einen Weg vorbei an zahllosen Grüppchen, die sich miteinander unterhielten, scherzten und lachten. Thomas musste über die unterschiedlichen Gesprächsfetzen, die in sein Ohr drangen, lächeln. Er grüßte nach rechts und links, drückte Hände, wurde umarmt, geküsst und freundschaftlich in die Seite geknufft, so, wie es unter Männern üblich war.

An der Bar angekommen, schob Ralf ein Pils zu Thomas rüber und setzte sich neben ihn, auf einen der Barhocker.

„Na, hast Du sie schon gesehen?“ grinste Ralf seinen Freund an.

Genau in diesem Moment sah er sie auf der Tanzfläche. Sie tanzte mit einem Mann, den er nicht kannte. Er folgte ihr mit seinen Blicken, bis sie wieder hinter anderen tanzenden Paaren verschwunden war. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug, er konnte sich nicht erinnern, sie jemals freiwillig in einem Rock gesehen zu haben, dabei hatte sie fantastisch geformte Beine. Er musste spontan grinsen.

„Ja, jetzt gerade auf der Tanzfläche,“ antwortete Thomas.

Ralf dreht sich um, um Sandra auf der Tanzfläche zu beobachten.

„Sie bewegt sich toll,“ urteilte er anerkennend, „na ja, sie ist ja auch eine tolle Frau,“ vervollständigte er seinen Satz. „Sie ist bereits seit etwa einer halben Stunde hier, ich habe mich schon kurz mit ihr unterhalten,“ erzählte Ralf weiter.

„Auf unsere Freundschaft.“ Thomas sah Ralf ernst an, er hatte keine Absicht, weiter darauf einzugehen.

„Ja, auf unsere jahrelange Freundschaft,“ Ralf grinste.

Die Männer stießen mit ihren Gläsern an.

Jennifer gesellte sich zu den beiden Männern. Sie hatte ein leeres Glas Sekt in der Hand, das Ralf ihr galant abnahm und neu füllen ließ. Dankbar lächelte sie ihm zu.

„Na, tanzt Du mit mir?“ forderte sie ihn auf.

„Wie könnte ich da widerstehen?“ Ralf ließ sich von ihr auf die Tanzfläche ziehen, nicht ohne Thomas einen letzten gequälten Blick zuzuwerfen. Sie kannte sich lange genug, als dass Thomas wusste, wie sehr Ralf das Tanzen hasste.


Thomas drehte sich herum, so dass er den gesamten Raum überblicken konnte. Er schätze, dass ca. 50 Menschen gekommen waren. Viele seiner Klassenkameraden hatten anscheinend ihre Partner mitgebracht. Er entdeckte Sandra etwa 25 Meter entfernt an einem der Tische. Sie saß auf einem Hocker, hatte sich die hohen Riemchensandalen ausgezogen und rieb sich die wunden Füße. Thomas schmunzelte. Das waren auch nicht wirklich typische Schuhe für sie. Seine Blicke folgten ihr, als sie barfuss, mit den hin und her schlenkernden Sandalen in der Hand, quer über die Tanzfläche ging und den Raum verließ. Er stand von seinem Platz an der Bar auf und folgte ihr.

 

Draußen atmete er die frische warme Luft dieses herrlichen Spätsommerabends tief ein. Er sah Sandra an ihrem Auto, einem silbernen Golf. Sie hatte den Kofferraum geöffnet und schien etwas im Inneren zu suchen.

Als Thomas hinter ihr stand, konnte er nicht umhin, ihren Po zu betrachten. ‚Sie hat sich figürlich kaum verändert,’ dachte er fasziniert.

„Hallo Sandra,“ sprach er sie leise an, um sie nicht zu erschrecken. Sie richtete sich langsam auf, so, als wollte sie Zeit gewinnen. Dann dreht sie sich zu ihm um.

„Hallo Thomas,“ lächelte sie ihn an, „ich dachte nicht, dass Du hierher kommen würdest.“ In der Hand hatte sie jetzt ein Paar flache schwarze Slipper. Sandra schlug den Kofferraumdeckel ihres Wagens zu und wollte an Thomas vorbei zur Fahrerseite des Golfs herumgehen, um sich die Schuhe anzuziehen. Er griff nach ihrem Arm und hielt sie fest.

„Warum das?“ fragte er. Erstaunt blickte sie auf seine Hand, die Ihren Oberarm umfasste.

„Nun, ich dachte Du wärst gar nicht in Hamburg. Vor ein paar Monaten las ich durch Zufall etwas über Dich in der Tageszeitung. Etwas über einen Prozess in Frankfurt, bei dem Du als Verteidiger des Angeklagten fungiert hast. Lässt Du mich jetzt bitte wieder los?“ Das war mehr eine Forderung als eine Frage. Thomas war sicher, dass sie diesen Artikel nicht zufällig gelesen hatte, denn sowohl dieser Fall als auch sein damaliger Mandant hatten viel Presse bekommen, leider nicht nur positive. 

„Ich bin seit ungefähr einen Monat wieder in Hamburg und werde bis auf weiteres auch hier bleiben,“ gab er ihr Auskunft, ließ ihren Arm aber noch immer nicht los. Er merkte, dass ihre Ungeduld wuchs. Thomas kannte sie einfach zu gut, so wie sie ihn. Selbst nach 22 Jahren, die er Sandra nicht gesehen hatte, konnte er in ihrem Gesicht lesen wie in einem offenen Buch. Er zog sie näher zu sich heran und konnte den schwachen, leicht zitronenartigen Duft ihres Parfums riechen. Thomas stellte erstaunt fest, dass sie sich versteifte. Thomas ließ augenblicklich ihren Arm los.

 

Sandra sah ihm direkt ins Gesicht, sie musste dazu etwas aufschauen, weil Thomas gute 30 Zentimeter größer war als sie selbst.

„Es ist erstaunlich, aber Du hast Dich in all den Jahren äußerlich kaum verändert. Ich dachte nicht, dass ich diesen Satz jemals zu irgendjemand sagen würde,“ lächelte sie.

„Oh doch, ich habe mich sehr verändert, aber das siehst Du auf den ersten Blick wahrscheinlich nicht,“ widersprach er. Thomas hatte das Gefühl, dass Sandra sich wieder ein wenig mehr entspannte. Das gefiel ihm. Er trat wieder näher an sie heran, legte seine Hände locker auf ihre Hüften und hob sie hoch, um sie auf die Motorhaube des Autos zu setzen. Er überrumpelte Sandra damit völlig.

„Jetzt kannst Du problemlos Deine Schuhe anziehen,“ schlug Thomas ihr vor.

Sie grinste, machte aber keine Anstalten, damit zu beginnen.

„22 Jahre sind wir jetzt aus der Schule ’raus, und in diesem Moment kommt es mir vor wie gestern. Du bist übrigens neben Ralf der einzige Grund, warum ich heute Abend überhaupt gekommen bin,“ gestand er ihr lächelnd.

„Aha,“ lächelte sie zurück, „nicht vielleicht doch noch Katrin?“ versuchte sie Thomas zu necken. Er regierte mit einer Grimasse.

„Das ist jawohl nicht Dein Ernst, oder?!“ Katrin schwärmte seit der Oberstufe für ihn, und hatte die Hoffnung nie aufgegeben, irgendwann doch noch mit ihm zusammen zu kommen. Thomas war zunehmend genervt von ihr. Als er vorhin mit Ralf zur Bar gegangen war, hatte er sie kurz gesehen. Er war froh, ihr bis jetzt entkommen zu sein.

„Na, ich bin sicher, sie sucht Dich schon.“ Sandra konnte es nicht lassen und hatte mit ihrer Vermutung wahrscheinlich sogar Recht. Thomas seufzte.

„Ich bin nicht an Katrin interessiert. Punkt.“ Sandra grinste amüsiert.

„Was ist das für ein Parfum, das Du benutzt?“ Er wagte sich bis an ihre rechte Halsseite vor und schnupperte erneut den Zitronenduft.

„Light Blue von Dolce & Gabbana“. Sie zuckte leicht zusammen, als er ihr so nahe kam. Ihr war warm, insofern kam es ihr ganz gelegen, dass er ihren Blazer über ihre Schultern zog. Sandra zog die Jacke schließlich ganz aus. Sie trug ein schwarzes, leicht glitzerndes schulterfreies Oberteil, das eng am Körper anlag und im Nacken geknotet war. Thomas war sich nicht sicher, wie weit sie ihn gehen lassen würde. Er zögerte.

 

„Wir sollten wieder ’reingehen,“ schlug Sandra vor.

„Ich würde viel lieber ganz woanders mit Dir hingehen.“ Er zog sie an sich und versuchte sie mit einem Kuss zu überzeugen, den sie anfangs vorsichtig, dann deutlich leidenschaftlicher erwiderte, bis sie sich schließlich wieder von ihm löste.

„Das halte ich für keine gute Idee.“ Der Kuss schien sie doch nicht überzeugt zu haben.

„Warum nicht? Küsse ich nicht mehr so gut, wie vor 22 Jahren?“ Sie wich seinem Blick aus. „Das ist es nicht. Ich bin keine Achtzehn mehr.“

„Das ist mir sehr bewusst, Sandra,“ unterbrach Thomas sie, „Himmel, Du musst doch spüren, wie sehr ich Dich will. Warum machst Du es mir so schwer? Bist Du verheiratet?“

„Nein, bin ich nicht.“

„Na siehst Du. Ich auch nicht mehr. Ich bin glücklich geschieden. Wir tun also niemandem weh.“

„Niemandem außer uns selbst,“ korrigierte Sandra ihn leise und zog die Slipper über ihre nackten Füße. Sie rutschte von der Motorhaube herunter. Thomas konnte nicht fassen, wie sie reagierte. Eben noch hatte sie seinen Kuss erwidert, und jetzt wollte sie ihn hier so stehen lassen? Er griff erneut nach ihrem Arm und hielt sie fest.

„Das kann doch nicht Dein Ernst sein, oder? Sandra? Du weißt doch, was Du mir bedeutet hast, was Du mir noch bedeutest,“ seine Stimme war laut geworden, so sehr hatte sie ihn aus der Fassung gebracht. Frauen, die ihn abwiesen, war er nicht mehr gewöhnt. Sie riss sich aus seinem Griff los.

„Damals, im Abitur, mit Achtzehn, hätte ich alles für Dich aufgegeben, wäre Dir überallhin gefolgt, so sehr habe ich Dich geliebt. Damals wäre für mich der richtige Zeitpunkt gewesen. Heute ist es zu spät, Thomas.“ Sie sprach mit leiser, aber fester Stimme und sah ihm dabei direkt in die Augen. Er hatte keinen Zweifel daran, wie ernst sie das Gesagte meinte. Er hatte sie verloren.

Sie drehte sich um und ging mit energischen Schritten wieder in Richtung ihres ehemaligen Klassenraums und öffnete die Tür. Laute Musik und Gelächter schlugen ihr entgegen. Ralf kam ihr entgegen und umarmte sie kurz.

Thomas blieb allein auf dem Parkplatz zurück.

 

 

 

 

 
   
 
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