Schnack auf Zack
  10 Jahre
 
"Als ich sie sah, war ich erschrocken. Nichts erinnerte mehr an die Frau, die ich das letzte Mal vor rund zehn Jahren zuletzt gesehen hatte. Ich war nach dem Abitur ins Ausland gegangen und hatte eine internationale Ausbildung gemacht, die mich quer durch die Welt reisen ließ. Heute verdiente ich vermutlich ein Vielfaches von dem, was sie bekam, dachte ich mit einem Blick auf ihre saubere, aber unmoderne Kleidung, die ihr mindestens eine Nummer zu groß war.

Sie wandte sich mir zu und strich in einer für sie typischen Bewegung eine Haarsträhne hinter ihr rechtes Ohr. Ich sah ihr direkt ins Gesicht. Man sah ihr an, dass sie zehn Jahre älter geworden war, aber ich fand, dass ihr die kleinen Fältchen um die Augen und an den Mundwinkeln standen. Ihr slawisches Aussehen mit den hohen Wangenknochen und den leicht schräg stehenden Augen hatten mich schon damals angezogen. Für mich war sie nach wie vor eine Schönheit. Vor allem die seltsame blaugrüne Farbe ihrer Augen fand ich faszinierend. Wie grundloses Meerwasser. Ich hätte in ihrem Blick versinken können, hätte mich in ihr Leben träumen können, riss mich aber zusammen.

Ihre vollen, sinnlichen Lippen sprachen zu mir, aber keins der Worte drang zu mir durch. Niemand hat diese Augenfarbe, dachte ich. Niemand. Das muss das Licht sein. Wir hatten zehn Jahre verloren. So viel Zeit, die wir nie wieder zurückholen konnten. Verdammt. Scheiß Karriere. Für was und vor allem für wen? Geschäftspartner sind keine Freunde und das Leben in Hotelzimmern war unpersönlich und einsam. Natürlich hatte ich Affären gehabt, aber keine der Frauen hatte mir jemals etwas bedeutet. Wenn ich es mir recht überlegte, hatte ich in all diesen Frauen sie gesucht. Wie armselig.

Sie sah mich fragend an. „Wo bist du nur mit deinen Gedanken?“, sie lächelte und mir wurde warm. Ich würde nicht noch mehr kostbare Zeit verlieren, nahm ich mir vor und nahm ihre Hände in meine. Sie waren kühl. Ihr überraschter Gesichtsausdruck zeigte mir, dass ich sie überrumpelt hatte. Diese Aktion hatte sie nicht von mir erwartet.
„Ich bin in der Vergangenheit“, antwortete ich, „genauer gesagt in unserer gemeinsamen Vergangenheit“, ich machte eine strategische Pause und beobachtete mit Genugtuung, wie sie errötend den Kopf senkte, um mir nicht in die Augen sehen zu müssen. Das war meine Chance. Ich hob ihr Kinn an und zwang sie, mich anzusehen. „Wir haben schon zehn Jahre verloren, das reicht, findest du nicht?“
 

 
   
 
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